WR: Rebellion – Kapitel 4

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Hi, willkommen zu einer neuen Ausgabe von: 50 Wege, eine Deadline zu verpassen! Wusstest du, dass es relativ sinnfrei ist, nachts um 1 Uhr unbedingt noch dieses eine Bild fertig zu machen? („Oi, schon halb 2 …“) Du ahnst es schon — Joey hat’s vermasselt. Nachts um 2 Uhr ist mir dann aufgefallen, dass ich einen kapitalen Bock geschossen hatte mit dem Cover für diesen Post und da wurde mir dann auch endgültig klar, dass ich es wohl besser im Wachzustand noch einmal versuchen sollte.

Also — mööp — heute wieder fürs Erste ohne hübsche Bildchen. Wird aber nachgeliefert. Baldigst.

EDIT: Cover ist da! 😀

In related news habe ich beschlossen, dir und mir Nerven zu sparen, indem ich gar nicht erst versuche, jede Woche mit einem neuen Kapitel aufzuwarten, sondern lieber an jedem 10., 20. und 30. eines Monats. Und da der 20. quasi schon übermorgen ist, gibt es Kapitel 5 daher am 30. Mai. (Das ist doch kein Weltuntergang, oder?)

Aber hier und jetzt gibt es schon mal das vierte Kapitel. Falls du heute zum ersten Mal in den Blog schaust, fang vielleicht am besten mit dem ersten Kapitel an.

For the English version, please follow my Second Life blog Joey’s Café!


To create this cover I made use of the following images: ‚Rural Village Farm‘ by Tibor Janosi Mozes from Pixabay ‚Conference Table‘ by StartupStockPhotos from Pixabay
In diesem Bild fand folgendes Foto Verwendung: ‚Conference Table‘ by StartupStockPhotos from Pixabay

Worlds Rising: Rebellion

Kapitel 4

Cole und Abbida verbrachten den Rest der Arbeitszeit damit, probehalber eine deutlich kleinere Version von Ashoks Dampf-Rückführ-System zu bauen. Während sie noch hoch konzentriert das rot glühende Rohrkonstrukt mit Zangen zurechtbogen, schlug der Gong der Versammlungshalle. Abbida zuckte zusammen. “Schon Mittag!”

Cole feixte und stieß Abbida mit dem Ellbogen an. »Das ist das erste Mal, dass du nicht schon eine halbe Stunde vor dem Gong unruhig wurdest. Haben wir tatsächlich etwas gefunden, das interessanter ist als Essen?«

Wie aus Protest grollte ihr Magen laut und vernehmlich. Abbida knuffte Cole zurück, aber er lachte nur noch lauter. In gebührender Eile sicherten sie ihr Werkzeug und Schmiedefeuer und machten sich auf den Weg zur Ratshalle, die morgens, mittags und abends auch als Speisesaal diente. Im Gedränge vor der Tür trafen sie auf Ashok. Er lächelte, aber seine Augen blieben stumpf. Äußerlich gelassen hielt er ihnen die Tür auf, gerade als Rona herauskam: »Ashok, auf ein Wort.«

Seine Miene verschloss sich, aber er nickte entschlossen und klopfte Cole auf die Schulter. »Ich komm gleich nach. Fangt ohne mich an. Abbida fällt gleich vom Fleisch.«

Sie verzog das Gesicht, musste aber grinsen. “Das nennt man Bauchgefühl.”

Cole schnaubte und schob sie nach drinnen, wo sich schon das halbe Dorf drängte. Er beugte sich dicht an ihr Ohr und raunte: »Was sagt dein Bauchgefühl dazu?«

Sein Atem kitzelte sie im Gesicht und erst glaubte sie, er wollte sie necken. Dann bemerkte sie seine ernste Miene. »Es geht um die Rückkehr, oder? Glaubst du, er hat Angst, sie könnten ihn wiederholen?«, fragte sie.

Cole zuckte die Achseln. »Hättest du die nicht? Wer sagt uns denn, dass sie nicht genau das vorhaben?«

Niemand. Sie konnten jederzeit wieder auftauchen. Und seit zum ersten Mal tatsächlich jemand zurückgekommen war, erschien ihr die Ungewissheit – so verrückt es sich anhörte – sogar noch schlimmer.

Bis vor Kurzem hatten sich die Fremden an die unausgesprochene Regel gehalten, die gesunden jungen Männer zu holen und das Dorf dafür in Ruhe zu lassen. Wie eine Art Tribut in alten, längst vergessenen Zeiten. Aber wenn der Tribut zurückgegeben wurde – wer garantierte ihnen dann, dass der Frieden noch galt?

Und wäre es nicht denkbar, dass sie in Zukunft auch die Frauen holten? Ein jäher Adrenalinstoß stoppte Abbida mitten auf der Schwelle zum Speisesaal. Cole runzelte die Stirn. Sie klappte schon den Mund auf, um ihn zu fragen, ob er das für möglich hielt, aber er schüttelte kaum merklich den Kopf: »Später.«

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie den Eingang blockierte. Hinter ihnen beschwerten sich schon die Nachdrängenden und Abbida verschob die Frage auf einen besseren Zeitpunkt.

Sie bahnte sich einen Weg durch den Trubel und entdeckte ihre Freundin Ilka an ihrem üblichen Tisch. Irgendwie hatte sie es geschafft, Joram mitzuschleppen. Und Latisha. Beim Anblick ihrer Schwester sank Abbidas Laune noch mehr: »Warum sitzt du nicht bei deinen Freundinnen?«

»Ich kann doch wohl die Mahlzeit mit meiner kleinen Schwester teilen?«, antwortete Latisha schnippisch.

Wären sie nicht zusammen aufgewachsen, wäre Abbida vielleicht die Betonung auf dem Wort ›klein‹ entgangen. Den Blick, den Latisha dabei Joram unter ihren langen Wimpern hervor schenkte, hätte sie jedoch nicht einmal mit verbundenen Augen übersehen.

Joram beachtete ihre Schwester jedoch gar nicht, sondern entdeckte Ashok, der in diesem Augenblick zu ihrer Gruppe aufschloss. Mit mattem Lächeln grüßte er in die Runde, und Latisha nahm das zum Anlass, ihre Aufmerksamkeit dem älteren Bruder zu schenken. Abbida verzog das Gesicht. War ja klar. Ihre beste Freundin und ihre Schwester teilten die interessanten Männer unter sich auf und sie guckte in die Röhre.

Cole hieb Ashok auf die Schulter. »Tarek hält uns an seinem Tisch Plätze frei. Wie sieht’s mit dir aus, Joram?«

Joram zuckte die Achseln und folgte ihnen zum Tisch seines ältesten Bruders. Enttäuscht schauten Ilka und Latisha ihnen nach, aber Abbida hätte Cole knutschen können. Er setzte sich neben Tarek, drehte sich zu ihr um und zwinkerte ihr zu. Huh.

Latisha schmollte. »Wenn Ashok nur bei den Männern rumhocken will, warum isst er dann nicht gleich in seiner Hütte?«

»Was ist los? Bist du abgeblitzt?« Ilka grinste. »Ich für meinen Teil bin heute Abend mit Joram am Teich verabredet. Vielleicht baden wir sogar ein bisschen nackt?«, überlegte sie laut, stütze das Kinn auf ihre Hände und klimperte mit den Wimpern.

»Ja, klar – im Regen!«, schnaubte Latisha. Aber ihre Wangen liefen rot an, also hatte Ilka womöglich tatsächlich einen Treffer gelandet. Ehrlich gesagt, konnte Abbida ihre Verdrossenheit durchaus nachfühlen. Ilka hatte ein wirklich unverschämtes Glück bei Männern. Wahrscheinlich würde das Wetter auch gerade so lange aufheitern, bis sie Joram rumgekriegt hatte.

Es war einfach nicht gerecht.

»Habt ihr eigentlich nichts anderes im Kopf?«, knurrte sie, wobei sie Ilkas wissendes Grinsen gekonnt ignorierte. Zum Glück erhob sich in diesem Augenblick die Ratsdienerin Rona von ihrem Stuhl, klatschte in die Hände und verkündete die neuesten Bekanntmachungen. Vor allem ging es um Aufräumarbeiten und die Einteilung des Holzfällertrupps. Abbida hörte nur halb zu. Endlich kamen die Leute vom Küchendienst und schleppten die Kessel mit Essen herein.

Na großartig, Linsen.

»Und Sauerkraut.« Latisha verzog das Gesicht und machte würgende Geräusche. Ilka lachte auf und Abbida konnte nicht anders als mit lachen. Natürlich holten sie sich trotzdem alle ihre Ration und langten kräftig zu. Das hier war immer noch besser als ein knurrender Magen.

Während der Mahlzeit unterhielten sich Ilka und Latisha über ihre Arbeit im Tuchwerk. Ausnahmsweise ging es tatsächlich nicht um Männer, sondern um eine neue Maschine, die seit der Rückkehr eingeführt worden war: Sie konnte mehrere Webrahmen gleichzeitig steuern, und dabei doppelt so schnell arbeiten wie die Tucharbeiter. Latisha hatte sich von Ashok genau erklären lassen, wie der Mechanismus funktionierte, und wollte jetzt, mit Ilkas Hilfe, versuchen, das Prinzip auch auf das Nähen der fertiggestellten Stoffe zu übertragen.

Ilka wiegte zweifelnd den Kopf. »Ist das denn auch sicher genug? Was, wenn jemand die Finger zwischen Stoff und Nadeln bringt? Das gäbe gebrochene Knochen oder verstümmelte Sehnen.«

»Na ja, wir müssten erst mal langsam anfangen. Mit einfachen Stichen. Kunstvolle Stiche in Handarbeit wären dann eben nur für Kleidung. Aber wer braucht denn unbedingt Ornamente auf Deckplanen?« Latisha rollte mit den Augen.

»Na ich! Wir müssen die Planen Tag für Tag anstarren, da will ich wenigstens eine hübsche Aussicht«, behauptete Ilka.

»Apropos hübsche Aussicht …« Latisha nickte Richtung Coles Tisch, wo er mit Joram, Ashok und dem ältesten der Brüder, Tarek, die Köpfe zusammensteckte. Doch in diesem Moment trat Rona zu ihnen und bedeutete Tarek und Cole, ihr zu folgen. Tarek stand sofort auf und verließ mit ihr die Halle, Cole kam erst noch zu Abbida herüber.

»Hör zu, ihr müsst in der Werkstatt ohne mich weitermachen«, sagte er. »Der Rat will irgendetwas von mir. Wahrscheinlich ist die Leuchtanlage wieder kaputt oder der Regen sickert durchs Dach. Wir sehen uns später.«

Er nickte Ilka und Latisha zu und drängte sich an den Leuten vorbei nach draußen.

Abbida wusste nicht, ob sie sich ärgern oder freuen sollte. Zu zweit fiel mehr Knochenarbeit auf sie ab, andererseits wäre sie eine Weile mit Ashok allein. Latisha betrachtete sie denn auch etwas verstimmt von der Seite: »Du Glückspilz.«

Wenn sie wüsste.

Ashok arbeitete offenbar gern mit ihr zusammen; er war hilfsbereit und sich nie zu schade, ihre Entwürfe einzubeziehen. Aber er zeigte leider nicht das geringste Interesse an einer irgendwie romantisch gearteten Beziehung. Weder suchte er Abbidas Nähe, noch sah er ihr je wirklich in die Augen. Nicht mal ihr Dekolleté interessierte ihn, dabei fand Abbida ihre Brüste durchaus sehenswert.

Insgeheim fragte sie sich, ob er überhaupt auf Frauen stand. Man sah ihn häufig in Begleitung von Kyle, diesem fremden jungen Mann aus einem anderen Dorf. Wie immer durchlief sie ein Schauer bei der Erkenntnis, dass es noch andere Dörfer gab! Und lief da etwas zwischen den beiden?

Es war einfach nicht gerecht.

Auf dem Rückweg zur Werkstatt wurden sie von einem Regenguss überrascht, aber wenigstens trocknete die Kleidung schnell in der Hitze des Schmiedefeuers. Routiniert arbeiteten Ashok und Abbida vor sich hin. Die Pläne für das Dampfgehäuse ließen sie erst einmal beiseite. Daran wollten sie weiter feilen, wenn Cole zurückkam. Immerhin hatte er die meiste Erfahrung im Werkzeugmachen – und die nötige Körperkraft, um auch schwere Eisen in Form zu hämmern.

Abbida schmierte eine Schraubwinde und prüfte, ob sie sich widerstandslos ein- und ausdrehen ließ. »Wir brauchen auch Glas.«

»Für die Winde?« Verwirrt schaute Ashok von seiner Arbeit auf, Schürhaken in einer Hand, einen Blasebalg in der anderen.

»Nein, für die Druck-Anzeige. Zahnräder, Zeiger, Schwimmer und Kolben, das sollte alles in ein Glasgehäuse, damit es nicht verdreckt.«

»Und wo willst du Glas herkriegen? Ich hab schon ewig keine neuen Gläser gesehen. Wenn eins zu Bruch geht, ist es verloren. Niemand hier kann Glas herstellen. Außer vielleicht … Man müsste Kyle fragen …«

Gedankenverloren stocherte er mit dem Schürhaken in der Glut, ohne hinzusehen, und verhakte sich irgendwo. Als er zog, schlugen Funken hoch und sprühten auf seinen Lederschurz und über seine bloßen Unterarme.

»Verflucht!« Hastig hieb er sich noch glimmende Asche und Kohlestückchen von der Haut.

Abbida sprang auf und jagte zur Pumpe, wo immer ein Bottich mit Wasser bereitstand, tauchte einen sauberen Lappen ein und rannte damit zu Ashok.

Er verzog das Gesicht. »Geht schon, nur eine Schramme«, ächzte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Sie gab sich keine Mühe, auf die offensichtliche Lüge einzugehen. Seine Haut färbte sich schon dunkelrot. Wortlos umwickelte sie seine Arme mit dem triefnassen Tuch und führte ihn, gegen seinen halbherzigen Widerstand, zur Pumpe.

Mit dem Fuß angelte sie einen Schemel heran. »Setz dich, wir wässern die Haut, bis der Schmerz nachlässt.«

»Das dauert viel zu lang. Die Arbeit macht sich nicht von selbst.«

Auch darauf antwortete Abbida erst gar nicht. In Wahrheit bestand keine Eile, wie eigentlich nie. Mit der Kelle schöpfte sie immer wieder kaltes Wasser und übergoss die bandagierten Arme. Ashok sog scharf die Luft durch die Zähne.

»Hauptsache, es entzündet sich nicht.« Abbida presste die Lippen aufeinander. Vielleicht hätte sie das besser nicht gesagt. Kein Grund, ihn noch mehr zu beunruhigen.

Sie schwiegen. Abbida goss Wasser nach, Ashok hielt still. Nach einer Weile nickte er: »Es wird besser.«

»Lass sehen.« Vorsichtig löste sie den Umschlag und beugte sich darüber. »Scheint mir immer noch ziemlich rot. Besser, wir kühlen noch eine Weile.«

Als sie den Kopf hob, wurde ihr bewusst, wie nah sie seinem Gesicht war. Kaum mehr als eine Handbreit trennte ihr Gesicht von seinen, und zum ersten Mal trafen sich ihre Blicke direkt. Dichte, dunkle Wimpern umgaben seine Augen wie ein seidener Vorhang, dem Eingang zu einer fremden Welt. Seine Iris war von tiefdunklem Braun, seine Pupillen geweitet, endlos, verheißungsvoll … Sie konnte den Blick nicht abwenden und schluckte. »Ich … sollte …«

Von außen wurde die Tür aufgerissen, Cole stürmte herein, warf sie hinter sich zu und schüttelte sich, dass die Tropfen nach allen Seiten sprühten: »Mann, da draußen regnet’s junge Hunde! Oh … was ist denn hier los?«

Ashok blinzelte, heftig, und Abbida ließ beinahe die Wasserkelle fallen. Sie wollte schon irgendeine Erklärung stammeln, aber Coles Aufmerksamkeit galt allein Ashoks verbrannten Armen. Er schnalzte mit der Zunge. »Schlimm?«

»Ach was. Abbida bemuttert mich viel zu sehr.«

Bemuttern! Verletzt wollte sie sich abwenden, da fing sie Ashoks Blick auf, der um Entschuldigung heischte. Abbida schnaubte. Männer. Lieber zog er die Sache ins Lächerliche, als sich vor Cole eine Blöße zu geben. Sie krauste die Stirn und strafte ihn mit einem wissenden Blick. Fast ein wenig boshaft klatschte sie ihm einen neuen Schwall kaltes Wasser über die Arme, dass es bis in sein Gesicht spritze. Er schüttelte sich und grinste reumütig.

Cole schob das inzwischen abgekühlte Eisen zurück in die Glut und nahm Ashoks unterbrochene Arbeit wieder auf. Eine Weile arbeitete er schweigend und in sich gekehrt. Plötzlich hielt er inne, stützte die Arme auf, neigte den Kopf zur Seite und fragte mit eigentümlich verhaltenem Unterton: »Wollt ihr mal was wirklich Verrücktes hören?«

Und dann berichtete er, was der Rat von ihm wollte: Eine Expedition sollte er ausstatten.

»Eine Expedi… was?« Abbida rollte die Augen.

Ashok sagte nichts, sondern starrte auf seine Füße.

»Einen Kundschafter-Trupp. Wir sollen Werkzeug und Proviant mitnehmen und … den Wald erforschen.«

»Aber den Wald kennen wir doch in- und auswendig! Das ergibt doch keinen Sinn. Noch dazu jetzt, wo die Regenzeit beginnt. Was soll das bringen?«

Cole verzog das Gesicht. »Wer weiß?«

»Man bräuchte auch Boote, um über den Fluss zu kommen«, sagte Ashok unvermittelt.

»Über den Fluss? Wer will denn bitte über den Fluss?!« Abbida tippte sich gegen die Stirn.

Hinter dem Fluss begann völlig ungeschütztes Land. Manchmal, wenn es lange genug regnete und die Fluten über die Ufer traten, verirrten sich von dort Krokodile bis in die Nähe des Dorfes. Wer weiß, was es da sonst noch für Menschenfresser gab.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Also, nach Westen, in Richtung Berge, das hätte ich ja noch verstanden. Aber wer kommt den auf so eine blödsinnige Idee? Gibt es dort überhaupt noch etwas anderes als Fluss und Sümpfe?«

»Wenn man lange genug fährt …« Ashok unterbrach sich und schüttelte den Kopf.

Cole holte Luft, als ob er etwas sagen wollte. Stattdessen richtete er sich auf und ging wieder an die Arbeit. »Jedenfalls brauchen wir für vier bis fünf Leute Werkzeug, Macheten und Bolzen. Und natürlich Ersatzteile.«

Abbida beobachtete ihn, während er all die Handgriffe ausführte, die sie ihn seit ihrem ersten Tag als seine Schülerin immer und immer wieder hatte machen sehen. Jede Bewegung, jede Drehung des Handgelenks, jedes Heben und Senken der Arme, jeden prüfenden Blick kannte sie im Schlaf. Tatsächlich hatte sie ihn so schon im Traum gesehen. Die Arbeit war ihm zur zweiten Natur geworden. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel. Warum also wurde sie das Gefühl nicht los, dass er dieses Mal kein bisschen bei der Sache war?

Sicherheitshalber stellte sie einen zweiten Schemel neben die Pumpe.

~ ~ ~

»Unmöglich, die Hochzeit steht kurz bevor!«, zeterte der Familienminister im großen Plenarsaal, stemmte die Hände in die Seiten und wollte offenbar den Kriegsminister in Grund und Boden starren. Li Xiao hielt sich wohlweislich im Hintergrund und überließ das Feld seinem Vorgesetzten.

Die Zuschauerränge hinter ihnen blieben leer, ebenso die Abgeordnetensitze. Bis auf eine Handvoll dösender Lobbyisten interessierte sich heute niemand für das Hohe Haus. Als der Familienminister seine Stimme jedoch immer weiter hob, reckten sich einige Hälse und neugierige Blicke wanderten zwischen den diskutierenden Ministern hin und her.

»Die Hochzeit findet wie geplant statt«, schnarrte der Kriegsminister. »Bis dahin untersteht Oberleutnant Zhao Li Xiao uneingeschränkt meinem Kommando und wird seinen Befehlen gemäß ausrücken.«

Im Unterschied zu dem kleinen, etwas untersetzten Familienminister hatte es der Kriegsminister nicht nötig, die Stimme zu erheben; seine Worte waren mit Leichtigkeit im gesamten Saal vernehmlich. Jetzt war auch der letzte der Lobbyisten aufgewacht und lauschte begierig auf den neuesten Disput in Regierungskreisen.

»Aber … der edle Herr könnte verletzt werden, das wäre eine Tragödie, so kurz vor dem Ereignis!«, stammelte der Familienminister, während seine Wangen unter hektischen roten Flecken aufglühten.

Peinlich berührt hätte Li Xiao am liebsten die Fäuste geballt, stattdessen schaute er stur weiter geradeaus, wie es von ihm erwartet wurde. Er war doch kein Anfänger, verdammt noch mal! Er hatte die gleiche Ausbildung absolviert wie jeder andere Pilot der Streitkräfte und wusste sich im Übrigen durchaus zu verteidigen.

»Der Oberleutnant wird lediglich Flugdienst leisten, keinen Dienst an der Waffe. Wir haben ausreichend Truppen stationiert und sogar die Garde entsendet einige ihrer Leute zum Schutz des Kommandanten. Trauen Sie unseren heldenhaften Kämpfern die Verteidigung der Heimat etwa nicht zu, Herr Kollege?«

Mit diesem Totschlagargument errang der Kriegsminister den Sieg, dessen waren sich alle Anwesenden bewusst. Der Familienminister faselte noch etwas von einer Probezeremonie, zu der Li Xiao pünktlich in die Hauptstadt zurückkehren müsse, dann eilte er von dannen. Enttäuscht wandten die Lobbyisten
sich ab. Die erhoffte Eskalation war ausgeblieben.

Immerhin stand Li Xiaos erneuter Entsendung zur Planetenoberfläche nun nichts mehr im Weg. Hinter dem Rücken des Kriegsministers erlaubte er sich ein winziges Lächeln.

~ Fortsetzung folgt! ~


Vielen Dank fürs Lesen!

Kapitel 5 gibt dann am 30. Mai hier oder — falls du möchtest — auf Englisch in Joeys Café. Damit du nichts verpasst, kannst du auch meinen Newsletter abonnieren. Updates flattern dir dann per eMail direkt ins Haus, yay!

Keep the fire burning! <3

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