Worlds Rising: Rebellion – Kapitel 2

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Huh, jetzt wird’s knapp. Der Dienstag ist schon fast vorbei …

Entschuldige die Verspätung, die Feiertage sind schuld! Aber jetzt und hier kommt endlich das zweite Kapitel unseres SF Abenteuers. Falls du das erste noch nicht gelesen hast, fang am besten damit an.

For the English version, please follow my Second Life blog Joey’s Café!


Ansonsten fackeln wir gar nicht lange, sondern legen sofort los:


Hintergrund: Photo by Marten Bjork on Unsplash (bearbeitet)

Worlds Rising: Rebellion

Kapitel 2

Vier Lineare nach der Eroberung

Abbida erschauerte aufgeregt, während sie mit der Hand Coles Rücken hinab strich. Mit geübten Bewegungen zog er die Schrauben an der Abdeckung des Generators wieder fest. Bei jedem Heben und Senken seiner Arme spielten die Rückenmuskeln unter seinem Hemd.

Obwohl ihr Mund immer trockener wurde, befeuchtete sie ihre Lippen mit der Zungenspitze. Das hatte sie von Ilka gelernt. Jedenfalls behauptete Ilka, damit würde sie jeden rumkriegen. Seit einiger Zeit wurde sie dick und träge und bekam auch mehr zu essen als die anderen Mädchen. Vielleicht war es ihr also tatsächlich geglückt, einen der Jungs in ihr Bett zu locken. Aber Abbida wollte keinen Jungen. Sie wollte einen Mann.

Cole rollte mit den Schultern, wies sie aber nicht rundweg ab, oder? Ermutigt rückte sie näher an ihn heran und schlang beide Arme um seine Mitte. Stromstöße rasten von ihren Fingerspitzen durch ihren ganzen Körper, direkt in ihren Schoß. Ihr Herz klopfte schneller, sie schloss die Augen und atmete seinen Duft ein.

Cole räusperte sich. »Du solltest jetzt aufhören, sonst kann ich für nichts garantieren.«

Seine Stimme vibrierte durch seinen Körper und übertrug sich auf ihre Nerven. »Vielleicht möchte ich gar nicht aufhören«, flüsterte sie heiser.

Er seufzte und machte ihre Hände von sich los. Noch immer mit dem Rücken zu ihr packte er gemächlich das Werkzeug zurück in den Kasten.

Abbida presste die Lippen aufeinander. »Findest du mich denn gar nicht begehrenswert?«

Cole hielt inne, schöpfte Atem und richtete sich auf. Dann, endlich, drehte er sich um und sah sie an. Matter Nachmittagsschein drang durch die Fensterluke herein; Licht und Schatten der Bäume vor dem Generatorhaus spielten über sein kantiges Gesicht. Seine Augen funkelten, Wangen und Stirn waren dunkler gerötet als sonst. Sie war ihm nicht egal!

»Du bist zu schade für mich, Abbida. Ich hatte meine Chance bei den Frauen schon. Such dir einen unter den jungen Kerlen. Lass es langsam angehen, bevor du Mutter wirst.«

»Du redest ja gerade so, als wär dein Leben schon vorbei. Willst du es denn nicht noch einmal versuchen? Es ist doch schon fast vier Lineare her …«

»Drei Lineare, zehn Umläufe und zwei Tage!« Er packte den Griff des Werkzeugkastens und wuchtete ihn auf die Schulter. Etwas sanfter fügte er hinzu: »Eines Tages wirst du das verstehen.«

»Entschuldige.« Es tat ihr wirklich leid. Besser als jeder andere wusste sie, wie sehr er immer noch um Inez und sein tot geborenes Kind trauerte. Um die Stimmung zu retten, schnupperte sie an ihren Armen und rümpfte angewidert die Nase. »Trotzdem schuldest du mir einen Küchendienst, weil ich wegen dir durch diesen Kanal kriechen musste.«

Er lupfte eine Augenbraue und lächelte schief. Natürlich wusste er ganz genau, dass sie absichtlich das Thema gewechselt hatte. Sie kannten einander in- und auswendig. Im Vorbeigehen klopfte er ihr auf die Schulter. »Vor der Regenzeit musste er dringend gesäubert werden. Sonst haben wir hier drin beim ersten richtigen Guss eine Überschwemmung. Wasser und Strom bilden keine gute Mischung, wie ich dir wohl kaum erklären muss.«

»Ja, ja, ich hab’s ja kapiert. Aber schau dir das mal an! Ich musste durch zweifingertiefes Abwasser robben! Da kommen immer noch Luftblasen aus meinen Poren!«

»Wo denn? Die sind so klein, das zählt gar nicht.«, machte er sich über sie lustig.

»Aber da unten ist es total widerlich! Alles voller Schlamm und Schleim … und es stinkt! Ich konnte mich kaum bewegen und kriegte kaum Luft und …«

»Und das ist genau der Grund, warum du die Einzige bist, die diese Arbeit übernehmen kann.« Mit plötzlich ernster Miene stand er mitten im Raum, über einen Meter achtzig groß, muskulös von der Arbeit in der Schmiede und kaum gelenkig genug für diese Aufgabe.

»Trotzdem. Versprochen ist versprochen«, murrte sie.

»Und ich halte mein Versprechen. Hab ich dich jemals im Stich gelassen?« Er lächelte und reichte ihr die Hand, um den Handel zu besiegeln. Sie schlug ein und lächelte zurück. Was immer geschehen mochte, sie waren beste Freunde für immer.

Draußen ertönte der Gong der Versammlungshalle. Eindeutig hatte Rona heute Ratsdienst, man erkannte es schon am ungeduldigen Doppelklang jedes der eigentlich drei Schläge.

Cole nickte zur Tür. »Geh schon vor. Ich schließ ab und komme nach.«

Es hatte keinen Sinn, darüber zu streiten. Offensichtlich brauchte er Zeit für sich allein. Die Erinnerung an seine tote Familie hatte ihn mehr aufgewühlt, als er zugeben wollte. Abbida seufzte innerlich und ging. Draußen warf sie einen Blick über die Schulter und sah ihn im Generatorhaus auf und ab humpeln. Die dicke Spezialsohle seines linken Stiefels verbarg die Tatsache, dass eines seiner Beine kürzer war als das andere. Eine Verletzung, die ihm damals bei der Eroberung fast das Leben gekostet hätte. Normalerweise kam er so gut damit zurecht, dass man leicht vergessen konnte, was ihm zugestoßen war. Aber heute Abend belastete die Trauer ihn einfach zu sehr.

Wohl wissend, dass er nicht wollen würde, dass sie ihn so sah, wandte sie sich ab und machte sich auf den Weg zur Versammlungshalle.

Sie hielt ihm einen Platz frei, aber als Cole endlich auftauchte, gesellte er sich zu den anderen Männern seiner Hütte, die ihn mit Handschlag begrüßten. Seit Tareks jüngster Bruder Raman bei ihnen wohnte, waren sie zu fünft. Abbida hatte Cole sagen hören, ungerade Anzahlen seien besser als gerade, aber das trog nicht darüber hinweg, dass die Hütte überfüllt war. Tarek ließ sich bereits regelmäßig freiwillig zum Jagen einteilen, trotz der Gefahren, nur um mal rauszukommen wahrscheinlich.

Eine Bewegung lenkte Abbidas Aufmerksamkeit nach vorn. An dem zum Podium umfunktionierten Tisch saßen ihnen die Räte gegenüber. Rona, die Ratsdienerin, trat vor die versammelte Dorfgemeinschaft und hob die Hände: »Ruhe! Setzt euch hin. Cole, Tarek, Raman, hier vorne ist noch Platz … Dann lasst uns anfangen. Hat irgendjemand Einwände gegen die Tagesordnung?«

Da sie die Tagesordnung gestern erst beim Abendgespräch auf den neuesten Stand gebracht hatten, rechnete Abbida nicht mit einer Wortmeldung. Umso mehr überraschte es sie, als Tarek aus Coles Hütte die Hand hob: »Wir müssen über die Rekrutierung reden.«

Abbida schnappte nach Luft. War Tarek verrückt geworden? Empörte Rufe brandeten auf, Leute sprangen von ihren Stühlen und gestikulierten über die Köpfe der anderen hinweg. Rona fuchtelte mit den Händen und versuchte die Ordnung wieder herzustellen. »Hört auf, lasst ihn ausreden!«

Es war sinnlos. Tareks offener Tabubruch regte die Leute so sehr auf, dass sie Rona überhaupt nicht beachteten. Mit fragendem Gesichtsausdruck wandte sie sich an die fünf Räte, doch die saßen nur mit versteinerter Miene da und taten gar nichts. Abbida wurde das Gefühl nicht los, sie hatten mit diesem Tumult gerechnet. Endlich hob Mandras, der älteste unter ihnen und Wortführer der Versammlung, seinen Stab und hieb heftig auf den Sitzungs-Gong.

»Ruhe! Haltet den Mund, alle miteinander! Setzt euch, sonst kürze ich für alle die Abendration!«

Das half. Ihre seit Beginn des derzeitigen Linears ohnehin nicht üppigen Mahlzeiten waren seit den vergangenen drei Umläufen noch knapper bemessen. Jede weitere Kürzung bedeutete Hunger. Und ja, Tarek hatte recht: Dieser Umstand stand in direktem Zusammenhang zur Rekrutierung.

»Du bist doch nur sauer, weil deine Hütte zu eng wird!« Eine ältere Frau, die Abbida nur vom Grüßen kannte, war stehen geblieben. Mit geballten Fäusten starrte sie Tarek an. Wütend? Oder ängstlich? Sie hatte drei Söhne geboren, soweit Abbida wusste. Waren sie schon im Rekrutierungsalter?

Tareks Gesicht lief dunkelrot an, er knirschte mit den Zähnen. Gefährlich ruhig betonte er jedes Wort: »Unterstellst du mir gerade … ich wollte meine eigenen Wohngenossen … in den Kampf schicken … nur um mich im Schlaf besser umdrehen zu können?«

Er wurde immer lauter, bis er ihr die letzten Worte entgegen brüllte. Von allen Seiten erntete er aufgeregte Beschuldigungen, einige Leute drängten nach vorn, und Abbida fürchtete, es käme zum Handgemenge. Die Frau war zusammengezuckt, gab aber nicht nach.

Endlich klopfte Mandras ungeduldig auf den Tisch. »Niemand behauptet das, Tarek! Setz dich! Du auch, Nana! Gut, der Antrag auf Aufnahme eines Tagesordnungspunktes ist gestellt …«

Erneut wurde es unter den Zuhörern laut. Mandras hieb auf den Gong ein, als klopfte er eine seiner Planen aus: »Ich sag das nicht nochmal! Ich streich die Ration um die Hälfte …«

Schlagartig wurde es still.

»Na also! Schön, wer stimmt für den Antrag?«

Bis auf Tarek hoben nur wenige die Hand und das auch nur sehr zögerlich. Cole, der neben ihm saß, blickte sich um, verzog das Gesicht und reckte entschlossen den Arm in die Luft.

»Mehrheitlich abgelehnt. Der Punkt wird nicht auf die heutige Tagesordnung übernommen. Tarek, du kannst den Antrag für die nächste Versammlung vormerken.«

»Pah!« Tarek schüttelte angewidert den Kopf, hieb Cole dankend auf die Schulter und drängte sich an den Umsitzenden vorbei nach draußen. Stumm schauten ihm die Leute nach, bis die Tür hinter ihm ins Schloss krachte. Dann redeten wieder alle durcheinander.

Abbida fürchtete schon, Mandras würde seine Drohung wahr machen und die Rationen kürzen, aber nachdem Tarek fort war, sah sich offenbar niemand mehr veranlasst, die Leute zur Ruhe zu mahnen.

Nach einer Weile kehrten sie zur Tagesordnung zurück, und den Rest der Versammlung verfolgte Abbida nur mit halbem Ohr. Sie betrachtete lieber Coles Rücken. Bei jeder Geste, jeder Bewegung zeichneten sich seine Muskeln unter dem Hemd deutlich ab. Wollte er denn wirklich nicht von ihr berührt werden?

Resigniert seufzte sie, da drehte sich sein Sitznachbar Raman um und bemerkte ihren begehrlichen Blick. Ertappt zuckte sie zusammen. Doch als Raman die Stirn runzelte, starrte sie nur herausfordernd zurück. Sie war erwachsen. Sie konnte sich ins Bett nehmen, wen sie wollte.

Statt sich über ihren Trotz zu ärgern, senkte Raman den Blick. Mit einem Mal wirkte er verletzlich, und zu spät wurde Abbida klar, dass er wahrlich andere Sorgen hatte, als irgendwelche Liebeleien seiner Nachbarn. Sein Vater war bei diesem verfluchten ersten Überfall vor vier Linearen getötet worden. Von seinen Brüdern war nur der älteste, Tarek, übrig. Niemand wusste, ob die drei anderen noch lebten. Vermutlich hatte Tarek vor allem seinetwegen versucht, die Versammlung dazu zu bringen, über die Rekrutierung zu diskutieren. Und die Versammlung hatte abgelehnt, obwohl – oder vielleicht, weil – ihre Mutter darüber den Verstand verloren hatte.

Inzwischen handelten sie zügig die Punkte der Tagesordnung ab: Der aktuelle Bevölkerungsstand lag immer noch halbwegs gleichbleibend bei vierhundertdreiundachtzig Dorfbewohnern. Eine der Alten war gestern gestorben. Ingenieurin Friederika hatte noch zu den Gründern gehört, hatte sich aber vor Zeiten in sich selbst zurückgezogen und war schon einige Lineare bettlägerig gewesen.

All diese Apparaturen, die noch aus der Gründungszeit stammten, hatten Abbida von jeher fasziniert. Leider verschlissen viele Komponenten zusehends, Ersatzteile waren aufgebraucht und die Dorfgemeinschaft besaß nicht die nötigen Fabrikationsanlagen, um sie herzustellen. Ganz zu schweigen vom nötigen Wissen oder Rohstoffen.

Anfangs wurde viel geflickt und improvisiert, aber ihre Notbehelfe hielten nur für begrenzte Zeit. Allen war klar, es mussten ganz neue Methoden her, um Energie zu gewinnen, die Be- und Entwässerung zu garantieren sowie ungefährliche Kühl- und Heizungssysteme.

Hier war Erfindergeist gefragt und Abbidas Kopf barst fast vor Ideen. Vor etwa einem Linear, nachdem sie gerade erst der Technikergruppe fest zugeteilt wurde, hatte sie daher die alte Friederika besucht. Sie hatte sich erhofft, von der erfahrenen Ingenieurin lernen zu können – vergebens. Friederika, die schon immer als wortkarg und mitunter ruppig galt, war im Alter nicht mitteilsamer geworden. Sie sprach mit kaum jemandem und hatte Abbida nicht einmal empfangen. Trotzdem war ihr Tod ein Jammer: Wieder ging ein großes Stück Wissen für alle verloren.

Rein statistisch gesehen machte eine der jungen Frauen den Verlust wett: Sie war schwanger, etwa im dritten Umlauf. Von allen Seiten wurde gratuliert, die Frau strahlte, der Kindsvater, selbst fast noch ein Kind, platzte fast vor Stolz.

Anschließend verlas Rona die Tagesordnungspunkte für den nächsten Abend und die Arbeitspläne, die eh schon jeder kannte, den es betraf. Mandras gab die Verteilung der Rationen bekannt und hob endlich die Versammlung auf.

Abbida drängte nach draußen. An der Tür stieß sie mit Raman zusammen. Ihr erster Gedanke war, sich einfach an ihm vorbeizuschieben, doch das erschien ihr feige. Stattdessen lächelte sie entschuldigend. »Wie kommst du in der neuen Hütte zurecht?«

»Was denkst du wohl? Versuch du mal, mit vier Männern zu leben. Die Schlafmatten liegen so dicht, dass ich jedes Mal aufwache, wenn sich einer im Schlaf umdreht.«

Vor Abbidas innerem Auge entstand ein Bild von ihrem Bett so nahe bei Coles … sie musste sich zusammenreißen. »Dafür hast du wieder so was wie eine Familie.«

Seine Miene verdüsterte sich.

»Natürlich ist es nicht das Gleiche. Niemand kann dir deine Brüder ersetzen!« Sie biss sich auf die Zunge, bevor sie es noch schlimmer machen konnte. »Irgendwann kommen sie zurück«, fügte sie lahm hinzu.

»Ja. Klar.«

Er ließ sie einfach stehen, und Abbida war beinahe dankbar dafür. Sie hätte nicht versuchen sollen, ihn aufzumuntern. Seit Beginn der Rekrutierungen hatte er seinen Vater, drei ältere Brüder und im Grunde auch seine Mutter verloren. Bisher hatten sie die jüngsten Söhne verschont, aber wer konnte schon sagen, ob das so blieb. Jetzt, wo Raman sich täglich rasieren musste, war es womöglich nur eine Frage der Zeit, bis sie auch ihn holten.

So war das eben seit der Eroberung.

Später an jenem Abend regnete es.

Das Linear näherte sich dem äußeren Extrem, und dieses Mal setzte die Regenzeit früher ein als sonst. Für Abbida, die ab heute für den gesamten Viertelumlauf Hüttendienst schob, bedeutete das, nach dem Essen vor den Wohngenossinnen zur Hütte zu rennen, den Trockenlüfter anzuschalten und den nassen Schmutz von der Treppe zu fegen. Wenigstens musste sie nicht auch noch die Stiefel putzen. Das war Latishas Aufgabe, aber ihre Schwester würde diese Pflicht wie immer gerade so gut erfüllen, dass niemand sie wegen Verweigerung schelten konnte.

Abbida schnaubte, warf den Generator an und sah nach, ob genügend Brennöl im Tank war. Das Gerät tuckerte und der Lüfter saugte feuchte Luft an. Abbida schlüpfte aus ihrer Jacke und hängte sie über das Trockengestell.

Zum Glück hatte der alte Mandras seinen Drohungen keine Taten folgen lassen, und sie fühlte sich satt, wenn auch nicht gerade übermäßig. Kohl lag ihr immer schwer im Magen, eigentlich sollte man ihn besser morgens essen statt ausgerechnet vor dem Schlafengehen. Aber zurzeit stand zu befürchten, dass es ihn morgens, mittags und abends geben würde. Die Vorräte wurden knapp.

Dabei hatte die Regenzeit noch nicht einmal ernsthaft begonnen. Wenn erst der Boden verschlammte und man ihn vor dem Wegschwemmen absichern musste, wurden auch die Trocken- und Einweckrationen wieder eingeführt. Nichts war vergleichbar mit Linsen in Sauerkraut – Tag für Tag.

Sie packte das obere Ende der Teppichrolle, zerrte sie aus der Ecke und legte sie an den Rand des Wohnbereichs. Hinter ihren Vorhängen waren die Frauen und Mädchen selbst verantwortlich, aber hier im Gemeinschaftsbereich putzten sie abwechselnd. Abbida hockte sich hin, rutschte auf den Knien allmählich vorwärts und rollte dabei vorsichtig den Binsenteppich aus, damit er keine Falten schlug, die sie dann mühsam korrigieren müsste.

Gestern hatte Latisha noch Aufräumdienst gehabt, was deutlich daran zu erkennen war, dass sie die Matte vor dem Einrollen nicht gefegt hatte. Abbida verzog das Gesicht. Na warte, meine Liebe, dich krieg ich noch. Sie rappelte sich hoch und wollte den Besen holen, da schepperte der Rats-Gong! Laut und unaufhörlich, und für einen Moment erstarrte sie vor Angst. Doch es war kein Alarm, dessen Sequenz sie alle auswendig im Schlaf schlagen konnten. Was auch immer dem Dorf mitgeteilt werden sollte, war unvorhergesehen und ungewöhnlich.

Abbida rannte zur Treppe, schlüpfte zurück in die Stiefel, merkte, dass sie die Jacke vergessen hatte, und rannte wieder hinein. Verflixt, jetzt hatte sie überall Dreck verteilt. Egal, das musste warten. Von überall rannten die Nachbarn herbei, und sie folgte der Menge zur Ratshalle.

Der Regen hörte auf, und zwischen den sich drängenden Menschen stieg eine fast sichtbare Wolke aus Wasserdampf auf. Man rief durcheinander, Mandras und Rona standen vor der Halle und ließen niemanden hinein. Cole, Tarek und sogar Raman halfen, die Dorfbewohner fernzuhalten. Dabei durfte normalerweise jeder die Halle ungehindert betreten. Sie alle waren das Dorf!

»Was soll das? Lasst uns durch!« – »Warum schlägt der Gong?« – »Öffnet die Halle!«

In den vorderen Reihen wurde gedrängt und geschoben. Beinahe wäre Abbida hingefallen, sicherheitshalber zog sie sich ein Stück zurück. Cole und Tarek bauten sich schützend vor den Ältesten auf. Rona hob die Hände.

»Ruhe! Wollt ihr jetzt wissen, was los ist, oder nicht?«

Immerhin ließ das Drängen und Schieben nach. Hinter Rona streckte eine der Rätinnen den Kopf durch einen Türspalt und winkte Mandras zu sich. Sie tuschelten, das Geraune in der Menge wurde leiser, während man versuchte zu horchen, was da besprochen wurde. Endlich wandte Mandras sich um und hob seinen Stab über den Kopf. Schlagartig wurde es still.

»Freunde. Nachbarn. Das Schicksal geht manche seltsamen Wege, und als hätte Tarek es vorhin geahnt …«

Der Rest der salbungsvollen Rede ging im Sturm der Entrüstung unter. Erschrocken wich Mandras vor der Menge zurück, und Abbida wurde mulmig zumute. Solch einen ängstlichen Gesichtsausdruck hatte sie bei ihm noch nie gesehen.

Cole schirmte ihn mit seinem breiten Rücken ab, in der erhobenen Faust hielt er einen unterarmlangen Schraubenschlüssel gepackt. »Seid ihr übergeschnappt? Jetzt lasst den Ältesten reden, sonst werden wir es alle bereuen!«

Er schwang das Eisen in einer Schleife und die Vordersten wichen zurück, kamen aber nicht weit, da hinter ihnen das Gedränge viel zu dicht war. Abbidas Nackenhärchen richteten sich auf. So aufgebracht waren die Leute nicht gewesen seit der letzten Rekrutierung. Sie würden doch nicht …?

Hinter Mandras wurde die Tür zur Ratshalle nun gänzlich aufgeschoben. Einer nach dem anderen traten die Räte hervor und bildeten eine Gasse. Doch, statt die Bewohner einzulassen, blickten sie nach drinnen, als ob noch jemand herauskommen wollte.

Nach einem Moment der Ungewissheit trat ein junger Mann zögerlich vor die versammelte Menge. Sein Blick ging über sie hinweg, als wagte er nicht, jemandem in die Augen zu schauen. Die Dorfbewohner schnappten kollektiv nach Luft.

»Ashok!«

Der Aufschrei direkt hinter Abbida ließ sie zusammenzucken. Ramans Mutter Marja drängte an ihr vorbei, ihre Stimme, fast irre, schraubte sich in immer schrillere Tonlagen: »Mein Sohn! Mein Sohn ist zurück!«

Im folgenden Tumult wurde Abbida herumgeschubst und fast umgerempelt. Für einen Moment kämpfte sie gegen die Panik, zertrampelt zu werden. Mit den Ellbogen kämpfte sie sich einen Weg nach hinten frei. Aufgewühlt verfolgte sie aus sicherem Abstand, wie Cole und Tarek den jungen Mann zu seiner Mutter durchboxten und dabei nicht allzu zart mit den Umstehenden umgingen. Ashoks Mutter warf die Arme um ihn, und Tarek umarmte alle beide, so fest er konnte. Ihre Wiedervereinigung nach all der Ungewissheit trieb Abbida die Tränen in die Augen.

Wieder ertönte der Gong laut und nachhallend, und für einen Moment ließ der Aufruhr nach.

»Da!«, schrie jemand und deutete zur Ratstür.

Eingeschüchtert, wahrscheinlich von all dem Durcheinander, kam ein zweiter Mann aus der Halle, dann noch einer, und noch einer, bis schließlich zwanzig oder mehr vermisste Söhne, Brüder und Väter dort standen. Stumm und ein bisschen fassungslos starrten sie ihren alten Nachbarn entgegen.

Die Leute gafften. Die Stimmung war umgeschlagen, Ratlosigkeit machte sich breit. Eine verhaltene Erregung, als könnte niemand recht glauben, was er sah. Als wagte man nicht, dem Unfassbaren zu trauen.

Abbida hatte nur Augen für den Jungen, der am weitesten von ihr entfernt stand: Joram. Er war gewachsen seit er damals, vor fast zwei Linearen, als sie gekommen waren, um ihn zu holen.

Seine Arme und Beine wirkten nicht mehr so schlaksig und zu lang für den Rest des Körpers. Muskeln hatte er angesetzt, seine Statur konnte es nicht ganz, aber doch beinahe mit Tareks aufnehmen. Und groß war er. Würde er heute nochmal versuchen wollen, sie zu küssen, müsste er sich runterbeugen. Und dieses Mal würde sie ihn vielleicht nicht ohrfeigen.

Sie versuchte, in einem Bogen um die Menschentrauben herum nach vorn zu gelangen, um einen besseren Blick auf Joram zu erhaschen. Doch als sie ihm tatsächlich gegenüberstand, erkannte er sie nicht. Sie wollte seinen Namen rufen, er lag ihr auf der Zunge, aber sie brachte kein Wort hervor. Gleichgültig und verloren glitt sein Blick über sie hinweg, während er sich von seinen Verwandten umarmen und fortziehen ließ.

Nach dieser Begegnung fühlte Abbida sich taub. Um sie herum löste sich die Menge auf. Wer einen Rückkehrer in der Familie hatte, führte ihn nach Hause, die anderen verabredeten sich zu spontanen Umtrünken. Alle waren in Feierlaune. Alle außer Abbida.

Cole schloss die Tür der Halle ab und kam auf sie zu. »Alles okay bei dir?«

»Ja. Klar. Warum nicht?«

»Sag du es mir. Du siehst aus, als hätte Mandras dir die Ration weggefuttert.«

Gegen ihren Willen musste sie grinsen. »Nein, es ist nichts. Das kommt nur alles ziemlich … plötzlich.«

»Ja.«

Etwas in seinem Ton ließ Abbida aufhorchen. »Was meinst du?«

»Findest du es nicht seltsam, dass sie zurück sind? Ich meine, seit fast vier Linearen rekrutieren sie unsere jungen Männer. Nie ist einer wiedergekommen. Warum jetzt? Ausgerechnet heute?«

»Du meinst, kaum als Tarek in der Versammlung …?«

»Genau.«

Abbida bekam Gänsehaut. Cole hatte recht. Das war es, was sie so irritierte, was sie nicht hatte in Worte fassen können. Nie hatte jemand gewagt, das Tabu zu brechen und offen eine Debatte über diese allgegenwärtige Bedrohung anzustoßen. Wie um die unsichtbaren, übermächtigen Eroberer nicht zu provozieren, erneut zuzuschlagen.

Aber kaum fasste jemand den Mut, sich gegen das Schweigen aufzulehnen, tauchten die Verschleppten wieder auf. Als ob die Fremden genau über die Stimmung im Dorf Bescheid wüssten. Als ob die Dorfbewohner einfach nur hätten sagen müssen: Wir wollen das nicht, gebt sie zurück. Statt Blitz und Donner über das Dorf zu bringen, ließen sie die geraubten Männer einfach frei.

Was die Frage aufwarf, warum sie sich nicht schon viel eher gewehrt hatten.

Zum ersten Mal seit sie dem Kindesalter entwachsen war, hatte Abbida das Gefühl, nicht alles über die Dorfgemeinschaft zu wissen. Sie starrte in die länger werdenden Schatten um den Platz, blinzelte, aber nichts war zu erkennen, das nicht hingehörte. Trotzdem zog sich ihre Kopfhaut unangenehm zusammen.

Zitternd schlang sie die Arme um sich selbst. »Ich muss nach Hause. Ich hab Hausdienst.«

»Richtig. Wir sehen uns morgen bei der Arbeit.« Coles Miene hellte sich in bewusster Anstrengung auf. Er winkte und machte sich selbst auf den Heimweg. In seiner Hütte würde heute Nacht deutlich mehr Platz sein, jetzt wo Tarek und Raman die Nacht mit ihrer Mutter und ihren heimgekehrten Brüdern verbrachten.

Abbida ging schneller und kämpfte gegen ein überwältigendes Gefühl von Orientierungslosigkeit an. Etwas Ungeheuerliches war heute geschehen. Mehr als mit bloßem Auge zu erkennen war, fürchtete sie.

~ ~ ~

Hunderttausende Kilometer entfernt stieg Zhao Li Xiao missmutig den langen gewundenen Aufgang zum Palast des Patriarchen hinauf. Oben angekommen blieb er erst einmal im Vorraum zu den Audienzsälen stehen. Er brauchte einfach noch einen Moment, um sich innerlich zu sammeln.

Heute war der Tag.

Entlang der Außenseite des halbrunden Raumes durchbrachen immer wieder deckenhohe Klarsichtscheiben die Außenmauer und boten dem Besucher einen atemberaubenden Blick auf die Majestät der sich scheinbar endlos erstreckenden Hauptstadt. Die berühmtesten Architekten hatten diesen Aussichtspunkt erschaffen, an dem gezielt die Aufmerksamkeit auf die ästhetisch besonders herausragenden Sehenswürdigkeiten der Stadt gelenkt wurde. Noch vor wenigen Jahren hatte ein sehr viel naiverer Li Xiao als heute hier gestanden und sich kaum sattsehen können an der Farbenpracht der zahlreichen Alleen, Parks und Teiche.

Heute, knapp vier Jahre nachdem er mit eigenen Augen die reiche Flora und Fauna auf der Planetenoberfläche gesehen hatte, erschien ihm dieses von Menschen geschaffene Miniaturparadies wie eine billige Kopie. Künstliche Schwerkraft und Atmosphäre gaukelten den Sinnen eine Weite und Erhabenheit vor, die sich bei näherem Hingucken eben doch als bewusste Täuschung entpuppte. Für ihn als Pilot bot die Hauptstadt-Kuppel kaum Platz genug, die Maschine richtig hochzujagen.

Wieder durchrieselte ihn dieses zähe, aufwühlende Gefühl von Wehmut, sein ständiger Begleiter seit der Patriarch seine Abordnung zu den stationären Streitkräften auf dem Planeten widerrufen hatte. Alles Argumentieren und selbst seine Bitten von Bruder zu Bruder hatten nichts genutzt. Schon wenige Tage nach der Invasion hatte der Haodang Long, der ›Große und mächtige Drache‹, ihn in den Palast zurückbeordert. Unter Androhung des Entzugs der Flugerlaubnis, sollte Li Xiao sich widersetzen.

Und so war er hier, durfte immerhin fliegen, wenn auch nur von Kuppel zu Kuppel, und warf immer wieder sehnsüchtige Blicke zu diesem riesigen blau-grünen Planeten. So greifbar nah und doch unerreichbar, jedenfalls mit den Kurzstrecken-Fightern, die man ihm überließ. Mehr noch als jeder andere Bürger der Heimat war Li Xiao Gefangener seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen.

Er ertappte sich dabei, wie er die Hand hob, um das Drachen-Tattoo an seiner Schläfe zu betasten und die winzige, kaum noch erkennbare Narbe, die es verbarg. Auf halbem Weg stoppte er die Bewegung und wandelte sie um in einen Gruß, mit dem er den Salut der Wachen erwiderte. Nachdenklich betrachtete er die ausdruckslosen Mienen der patriarchalen Leibgarde.

Natürlich waren ihre leeren Mienen reine Show. Sie wussten sehr gut, wer er war und hatten seit seinem Betreten des Palastes jede seiner Bewegungen biometrisch überwacht. Hier in der Kolonie blieb nichts unbeobachtet, schon gar nicht die Mitglieder des Zweiten Hauses. Gefahr lauerte überall und konnte aus allen Richtungen kommen, selbst aus den Reihen der eigenen Familie. Diese Lektion lernte jedes Mitglied der fünf großen Familien von Anfang an.

Li Xiao nahm die Kappe seiner Paradeuniform ab, klemmte sie unter den Arm und räusperte sich. Sofort glitt die Tür aus opakem Panzerglas zur Seite und Li Xiao betrat die Sicherheitsschleuse. Er bemühte sich, das übliche Prozedere ohne äußere Regung über sich ergehen zu lassen, obwohl er innerlich vor Unruhe brodelte. Seit Wochen fürchtete er diese Audienz, jetzt wollte er sie nur noch hinter sich bringen. Doch schon beim Übertreten der Schwelle bewahrheiteten sich seine schlimmsten Befürchtungen: Alle waren da.

Der Haodang Long saß etwas erhöht auf seinem Podest, davor drängten sich zweiter und dritter Bruder, ihre Frauen und der halbe Hofstaat. Offiziell gab es natürlich keinen Hofstaat, denn offiziell war der Patriarch gewähltes Oberhaupt der Oligarchie. Inoffiziell bekleidete Li Xiaos ältester Bruder Zhao Shi Wei dieses Amt seit fast einem Jahrhundert, und die politischen Strukturen waren so verfestigt, dass man in den dunkelsten Ecken des Sys-nets schon mal den Begriff “verkrustet” lesen konnte. Nicht, dass Li Xiao sich in diesen dunklen Ecken rumtreiben würde. Offiziell.

Die Anwesenheit der Frauen und des Familienministers ließ jedenfalls an einer Wahrheit keinen Zweifel zu: Heute ging es um seinen Kopf.

In den genannten dunklen Ecken des Sys-nets hieße es zwar sicherlich, es ginge um ganz andere Körperfunktionen, im Ergebnis blieb sich beides jedoch gleich. Li Xiao gab mit keinem Wimpernzucken zu erkennen, was in ihm vorging, ganz wie man es ihn vom ersten Atemzug an gelehrt hatte. Er verneigte sich tief vor seinem ältesten Bruder: »Lang lebe der Haodang Long.«

Dann wandte er sich der Delegation des Ersten Hauses zu, dem Haus des weißen Tigers, und sprach die von ihm erwartete Formel: »Willkommen in meinem Haus. Es steht Ihnen offen – ganz wie mein Herz der Braut.«

~ Fortsetzung folgt nächsten Dienstag! ~


Vielen Dank fürs Lesen!

Kapitel 3 von Worlds Rising: Rebellion gibt es in einer Woche hier oder — falls du möchtest — auf Englisch in Joeys Café. Damit du nichts verpasst, kannst du auch meinen Newsletter abonnieren. Neue Kapitel flattern dir dann per eMail direkt ins Haus, yay!

Rise and shine! <3

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