Raus aus dem Keller!

Image: raus aus dem Keller, Motiv: geischlaeger0, pixabay

Einer meiner Lieblingsmenschen sagte mal: Es kommt der Tag, da muss die Band aus dem Keller! Bedeutet: Ist ja schön und gut, jahrelang zu üben, üben, üben, … aber irgendwann wird das Ganze sinnlos, wenn du deine Sachen niemandem zeigst. Wieso?, fragst du, ich kann doch wohl schreiben, so ganz allein für mich, so viel ich will? Wer sagt denn, dass irgendjemand das lesen können soll, hm? Und was geht dich das überhaupt an? Hm?!

Nix, natürlich. Kannst du machen, wie du willst. Also ich. Ich verhandle da nämlich gerade mit mir selbst. Ich sage mir: Natürlich kannst du deine Geschichten  schüchtern für dich behalten. Dann jammere aber auch nicht, wenn keiner dir Feedback gibt! Und da hat sie ja nun recht. Also ich. Ich habe recht. (Maaan, das ist verwirrend.)

Also. Sichtbarkeit. Wozu ist das gut? Einfache Frage, klare Antwort: Fürs Feedback. Das ist nämlich nicht nur gut fürs Ego (das auch), sondern zeigt dir auch, wo du dich noch verbessern kannst. Jaaaa, sagst du (also ich), aaaber …! Aber was, wenn das Feedback gar nicht hilfreich ist, sondern niederschmetternd? Was, wenn ich hinterher nur noch den Schwanz einklemmen will und wieder zurück in meinen Keller? Dann … tu das!

Stay safe, my beauties

Ha, damit hast du jetzt nicht gerechnet, gib’s zu! Du hat gedacht, hier kommt mal wieder so ein Motivations-Post, der dir zeigt, wie schön und bunt die Welt ist (Spoiler: Sie ist es.) und dass du jetzt und hier mitten drin dabei sein kannst, wenn du nur endlich den Schritt wagst und dich der Welt präsentierst. Mit allem, was du hast, offen, ehrlich und verletzlich. Dann denkst du, toll, das mach ich jetzt wirklich, was soll schon passieren, die anderenTM tun es doch auch und guck mal, wie viel Erfolg die damit haben und wie viele Follower bei Twitter und wie viele Likes bei FB und Insta, und bei der Buchmesse in L-Stadt kennen alle ihren vollen Namen und ihr Sternzeichen! Dann setzt du dich hin, verfasst einen Blogpost, schießt ein Selfie von dir in deinem schönsten Künstler-Rolli (mit Schal!) und …. und dann kommt der Zweifel.

Was werden die Nachbarn denken, wenn die das sehen? Was denken die Kolleginnen von Mama? Was die Kumpels vom Sohn? Oder noch schlimmer, was wenn es gar niemand liest? Dann hast du dich umsonst in deinem Künstlerschal lächerlich gemacht. Und am Ende fühlst du dich nur noch kleiner und feiger und bist keinen Schritt weiter.

Warum eigentlich?

Das ist keine rhetorische Frage, sondern der erste Schritt hin zu einer Lösung des Dilemmas. Immer vorausgesetzt, es ist wirklich eines. Denn, wenn du in Wahrheit sehr gut klar kommst damit, still in deinem Keller vor dich hin zu musizieren (das Äquivalent für Autoren ist das Kämmerchen), dann ist ja alles gut. Never change a running system. Du musst nichts tun. Aber wenn — falls — du wirklich darunter leidest, und nennen wir die Dinge ruhig beim Namen, wenn du also darunter leidest, dass du deine Texte nicht unter die Leute bringst, weil du dich nicht dazu überwinden kannst, da raus zu gehen, dann gibt es ein Problem. Und dann bietet es sich an, dieses Problem zu untersuchen und zu lösen.

Analyse: Was will ich eigentlich?

Also tatsächlich ich, nicht irgendein fiktives, literarisches Ich. Was will Joey? Schreiben. Nicht irgendwas, sondern Geschichten. Am liebsten Romane, manchmal auch Kurzgeschichten, wenn es sich gerade anbietet. Und ich will sie nicht nur schreiben, sondern ich möchte sie anderen zum Lesen geben. Ich möchte mich mitteilen.

Visibility, bitches!

Erste Erkenntnis des Tages: Ich bin ein Narzisst. Bamm!

Hättste nicht gedacht, Joey, was? Doch, eigentlich hab ich das schon gewusst. Es ist nur etwas, das man nicht so gerne zugibt. Also ich. Ich gebe das nicht gerne zu, schon gar nicht öffentlich. Was werden die Nachbarn denken? Was werden meine Freunde denken? (Und meine Feinde erst?!) Und während ich das schreibe, während du das hier liest (falls du so weit gekommen bist), wird mir schon selbst mal wieder überdeutlich klar: Es ist mir peinlich, diese Gedanken hier so offen preiszugeben!

Ich will doch gut dastehen, sonst verwendet das noch jemand gegen mich! Wenn nämlich jeder sehen kann, dass ich „es“ eigentlich immer nur fake, dass ich in Wahrheit gar keinen Plan habe, weder für mein Leben noch für meine Kunst, dann werden sie mich bestrafen. Mit Häme, mit Verachtung oder — am allerschlimmsten — durch Ignorieren. Da ist es doch besser, ich bleibe gleich im Keller, denn dann ist die Unsichtbarkeit selbst gewählt und gewollt. Und verdient, denn wenn ich gut wäre, hätte mir schon längst jemand die Bude eingerannt, mir dicke Bündel Geld und einen Plattenvertrag in die Hand gedrückt und meine Bücher würden die Bestsellerlisten der Welt stürmen. Da das bis heute aber nicht geschehen ist, gibt es nur einen logischen Schluss: Meine Bücher sind zu schlecht. Ich bin zu schlecht.

Merkst du, was da gerade passiert ist? Totaler Overkill an Selbstkasteiung.

Zweite Erkenntnis des Tages: Ich bin mein eigener größter Kritiker!

Und diese Erkenntnis ist in Wahrheit gar keine, denn das wusste ich schon längst. Ich bin Perfektionist. Mit deutlich überzogenen Anforderungen an mich selbst. Eine Anekdote aus meinem Leben, die ich noch nie erzählt habe, eine meiner wenigen glasklaren Erinnerungen an meine Kindheit:  Am Tag meiner Einschulung weigerte ich mich strikt, meine Schultüte mit zur Schule zu nehmen. Meine Eltern redeten mit Engelszungen auf mich ein, aber da war nichts zu machen, denn wenn die anderen diese Schultüte in meiner Hand sehen, dann wissen alle, dass ich Anfängerin bin!

Ein Gedankengang, der so typisch ist für mich, das er meinen Charakter wahrscheinlich besser beschreibt als jeder andere Versuch. Mein jüngeres Ich hielt es für einen verwerflichen Mangel, Schulanfängerin zu sein. Einen Mangel, den ich um jeden Preis verheimlichen musste. Never mind, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon lesen konnte. Never mind, dass alle anderen Kinder — die mit den schönen Tüten — in der gleichen Lage steckten. Ich glaubte fest, die anderen erwarten von mir, besser zu sein. Besser als wer oder als was, darüber dachte ich nicht nach. Ich war nicht gut genug, Punkt.

Von anderen verlange ich das übrigens nicht. Du bist neu hier? Willkommen im Club! Irgendwas hat nicht geklappt? Shit happens, versuch’s noch mal. Zweierlei Maß. Zum Glück bin ich nicht mehr sechs Jahre alt. Zum Glück erlaubt mein Perfektionismus, mich ausführlich mit mir selbst auseinander zu setzen. Zum Glück ist mir dabei irgendwann aufgefallen, dass es nicht hilfreich ist, mich im Keller zu verstecken. Denn dort, ohne Feedback, werde ich nie über einen bestimmten Punkt an Fertigkeit hinauskommen. Jeder Anfänger, der sich mit seiner Schultüte seinem Buch an die Öffentlichkeit wagt, ist mir in diesem Punkt voraus. Die Antithese zum Perfektionismus!

Auf die Idee zu diesem Post kam ich übrigens nach einem Podcast auf MyMonk.de (Selbsterfüllende Prophezeiungen: Bestimmen sie über Dein Leben?) Tim Mälzer erklärt solche sich selbst erfüllende Prophezeiungen nicht als Karma, Vorsehung oder sonst irgendetwas Übernatürliches, sondern als die Vorbehalte, die jeder selbst unbewusst in sich herumträgt. Die mich dazu bringen, mich auf eine Weise zu verhalten, dass andere gar nicht anders können, als genau so zu reagieren, wie ich es von ihnen erwarte. Auf den Punkt gebracht: Ich halte mich für zu schlecht, um als Autorin wahrgenommen zu werden, also ziehe ich mich in meinen Keller zurück und werde nicht wahrgenommen. Quod erat demonstrandum.

Menschen sind aber lernfähig. Und ich als Perfektionistin liebe es, zu lernen. Das Jahr 2019 widme ich daher dem Selbststudium: Aus dem Keller in die Öffentlichkeit für Anfänger.

Character building für Autoren

Erste Lektion: Es geht nicht um mich. Es geht um meine Bücher. Um meine Romane und Kurzgeschichten. Um meine Texte.

Als narzisstische Perfektionistin stehe ich mir so lange selbst im Weg, wie ich den Fokus auf das falsche Subjekt richte. Der Trick ist aber: Ich kann genau die gleiche Methode, die mich davon abhält, mich mit meinem Werk zu präsentieren, dazu ausnutzen, mein Werk zu präsentieren. Das ist ein wesentlicher Unterschied, aber man muss drauf kommen. Der berühmte Balken im Auge. (Habe ich schon erwähnt, dass ich außerdem ein Spätzünder bin?)

Wieso macht das einen Unterschied? Weil das Werk nicht ich ist. Es darf unperfekt sein. Würde ich einem Kranken vorwerfen, krank zu sein? (Rhetorische Frage.) Jetzt wenden wir einen kleinen logischen Kniff an. Angenommen, du liest ein Buch, in dem es vor Logiklücken wimmelt. In dem sämtliche Figuren so platt und klischeehaft sind, dass du sie ausschneiden und als Sticker verwenden könntest. Die Dialoge sind langatmig, gähn, und einschläfernnnnd, chr, chr, chrrrr … Was passiert? Du schmeißt das Buch in die Ecke, tobst vielleicht ein bisschen rum, wegen der Geldverschwendung (falls du so drauf bist) und schwörst dir, die Finger von dem Autor zu lassen. Aber nicht, weil der Autor so sch*** ist, sondern, weil sein Buch so sch*** war! Merkst du was?

Ich bin nicht mein Buch. Selbst wenn mein Buch tatsächlich abgrundtief schlecht wäre, ist das okay. Ich bin okay. Ich muss nicht wieder zurück in den Keller und mich dort einmauern. Ich darf schlechte Bücher schreiben. Aufstehen, Dreck abstreifen, weitergehen. Neues Buch schreiben. Besser machen. Und andere am Prozess teilhaben lassen. Die anderen interessieren sich nämlich gar nicht für mich und meine Unperfektheiten. Die interessieren sich nur für die Bücher, die am anderen Ende rauskommen.

Fazit

Als Perfektionistin kann ich mich also mit meiner Schultüte auf den Schulhof stellen, ohne dass das Universum durch ein unlösbares Paradoxon implodiert. Logische Folge: Erwarte mehr Posts über die Entstehung meines aktuellen Schreibprojekts. (Das ist die schlechte Nachricht.) (Just kidding. Das ist die gute Nachricht, wie wir gerade gelernt haben 😉 )

In diesem Sinne:

Keep creating, my dearies!

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