Love is in the air

sagt der Kalender. Da schrillen bei mir reflexartig alle Alarmglocken. Und nicht, weil ich was gegen die Liebe hätte. Ganz im Gegenteil. Wenn’s nach mir geht, kann es gar nicht genug Liebe im sogenannten realen Leben geben, in der Literatur, im Film und überhaupt in jeder Kunst. Dann darf jedeR lieben, wen er will, so viele er will, wie er will und so lange er will (solange niemandem dabei geschadet wird, versteht sich). Und schreiben tu ich in meinen Büchern natürlich auch liebend gerne von der Liebe.

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Warum also meine Abneigung gegen den Valentinstag?

Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ja, doch: Ich hasse es, wenn man mir sagt, heute ist der So-und-so-Tag, also fühl dich gefälligst entsprechend. Da ist es fast schon egal, welcher Tag gerade ausgerufen wird. Heute ist Lila-Küchenpapier-Tag? Super, ich nehme schwarz, danke! Ausnahmen bestätigen die Regel, versteht sich. An den gewissen Hochtagen des allgemein anerkannten Festkalenders will auch ich mich nicht entziehen, der lieben Familie wegen. Und doch frage ich mich jedes Jahr ein bisschen ernsthafter: warum eigentlich?

Bin ich vielleicht einfach nur unromantisch? Ist ja nicht so, dass ich nicht auch gerne mein virtuelles Café zu den verschiedenen Gelegenheiten passend dekoriere. Weils’s Spaß macht. Und ich genieße es auch, zu wissen, rund um den Globus machen gerade Millionen Menschen das Gleiche (jedenfalls so ähnlich 😉 ) Man ist ja Herdentier. Und trotzdem fühle ich mich auch immer ein bisschen ferngesteuert an solchen Tagen, und das kann ich einfach partout nicht ab. (Wer schon?)

Holt das Seuchenkommando!

Noch schlimmer ist es natürlich, wenn ich womöglich gerade das Gegenteil empfinde. Wenn mir so gar nicht weihnachtlich ist, weil alle, mein Chef besonders und Tante Erna erst recht, mich mal gernhaben können! Wenn glückliches Verliebtsein zur Zeit so gar nicht auf meiner Agenda steht. Vielleicht weil mir die allgegenwärtige verordnete Rosa-Herzchen-Kultur mit knüppelharter Deutlichkeit klarmacht: Du nicht, Schatz! Alle, aber du nicht. Love is in the air? Ja, Teufel auch, wo ist mein Schimmel-Ex?!

Ob die Selbstmordrate an oder um den Valentinstag wirklich höher ist als zum Beispiel an Weihnachten, hab ich jetzt nicht abschließend recherchiert. (Und nein, gute-Frage-net ist keine gültige Recherche-Plattform.) Aber dass es sich ziemlich kacke anfühlt, wenn es um dich herum Pralinen und herzförmige Karten regnet, nur bei dir nicht, liegt wohl auf der Hand. Und andersrum das Herzrasen, der Gruppenzwang, wenn du dich verpflichtet fühlst, deine Liebe zu gestehen. Wenn du zum umpfzigsten Mal die Hand ausstreckst, um die Karte in den Briefkasten deines Herzensmenschen einzuwerfen … oder lieber doch nicht. Aber dann … Ach, was soll’s! Nein, doch nicht. Verdammt, was mach ich nur?

Wer will das denn?!

Cui bono?

An dieser Stelle darf natürlich der übliche Rundumschlag auf die IndustrieTM, die WirtschaftTM und ganz generell auf den KapitalismusTM nicht fehlen. Ich sag nur Pralinen, herzförmige Luftballons, überteuerte Hotelbetten, diamonds are a girl’s best friends. Kennst du, muss ich nicht wiederholen. Lass es vielleicht trotzdem ein bisschen sacken.

Damit wir uns jetzt nicht missverstehen: Ich jammere hier nicht rum wegen der sauren Trauben. Richtig toll ist nämlich ein Gefühl, über das gar nicht so oft gesprochen wird: Vollkommen frei zu sein von jeglicher Sehnsucht. Tatsächlich einfach zufrieden zu sein mit dem, was das Leben gerade bietet. Moment, sagst du, das ist doch ein alter Hut! Steht doch in jedem MyDailyGuru-Kalenderblatt *): Lebe hier und jetzt und alles andere ist von übel!

*) Das hab ich gerade erfunden. Glaub ich. Hoffe ich!

Hast du das mal an dir selbst getestet, ob das so funktioniert? Frei zu sein von Sehnsucht, vom Nachtrauern, schlimmstenfalls von Reue? Vielleicht bin ich gar nicht unromantisch, sondern im Gegenteil höchst sentimental veranlagt, mir ist dieser Zustand nämlich relativ neu. Und es fühlt sich großartig an. In meinem Leben gibt es Menschen, die mir das Herz wärmen und mit denen ich gern meine Zeit verbringe. Und trotzdem sage ich: Nehmt euren Herzchen-Feiertag, eure rosa Schokoladen-Massenware und esst sie selbst. Meine Lieben liebe ich, wann ich will.

Love is in the air, und das ist gut so.

Und das geht den Kalender gar nichts an.

Meine all time favourite Serie war und ist übrigens Sense8. Die hat alles, was das Herz begehrt: Contemporary Fantasy**), Action, Spannung, intelligenten Humor und jede Menge Liebe! Wenn es je ein Serien-Finale gegeben hat, das mich wirklich restlos aus den Socken gehauen hat, dann das. Wer’s noch nicht kennt: Angucken!

**) Den Begriff ‚Contemporary Fantasy‘ habe ich von der lieben Kollegin Roxane Bicker (@roxane_bicker_autorin) bei Instagram aufgeschnappt. Soll heißen Fantasy hier und heute, nicht notwendigerweise im städtischen Raum, als Abgrenzung zur Urban Fantasy.

Hab euch alle lieb! 🙂

2 thoughts on “Love is in the air”

  1. Zack, da isser auch schon wieder vorbei, der Valentin:)
    Mal notieren, Sense8 …
    Valentinstag ist wie Karneval, nur das man beim einen gefälligst JETZT LUSTIG! Sein muß und beim andern ROTE ROSEN ROMANTIK versprühen muß.
    Narrhallamarsch!

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