SfB: Die Hauptfigur

Jumpstart: Mit der Hauptfigur durch den Plot

Eine Hauptfigur, ein Thema, ein Genre, eine Super-Plot-Idee: Irgendetwas davon ist plötzlich da und schreit nach einer Geschichte. Aber wie packe ich es an?

Am besten in medias res: Mit beiden Beinen mitten rein ins Geschehen.

Angenommen, du wachst morgens auf und da sitzt eine Figur auf deinem Bettrand und sagt: „Hi!“

„Selber hi“, brummelst du, weil du noch nicht ganz wach bist, aber dann reißt du die Augen auf und weißt: Das ist es! Dann beginnst du die erste Szene mit dieser Figur. Unabhängig vom Genre und auch davon, ob sie Protagonist oder Antagonist wird.

Wichtig: In diesem Beitrag geht es ums Schreiben des ersten Roh-Manuskripts, nicht ums Überarbeiten! Welche Szene nachher die Handlung tatsächlich eröffnet, interessiert uns an dieser Stelle noch überhaupt nicht. Bei meinen bisher veröffentlichten Romanen entschied sich jeweils erst in den letzten Lektorats-Runden, welches Kapitel die Nummer 1 erhielt.

Auch wenn es statt einer besonderen Figur ein bestimmtes Thema oder ein Setting ist, das dich reizt, schlage ich vor, mit der Hauptfigur zu beginnen. Ein Szenario bleibt statisch, solange niemand es reflektiert. Das gilt insbesondere für beschreibende Anfänge. Wenn niemand da ist, für den das alles irgendeine Bedeutung hat, sind solche Anfänge viel zu trocken, im Sinne von: „Laaangweilig!“

Und wir suchen in diesem Stadium ja vor allem eines: Inspiration.

Die bucklige Verwandtschaft

Wir haben also eine (Haupt-)Figur, die wir interessant finden. Aber warum eigentlich? Weil wir spüren, dass sie für die Plot-Idee Potential hat. Eine Handlung in Gang zu setzen, sich zu entwickeln und sogar uns, die wir sie erfunden haben, immer wieder zu überraschen. Anders ausgedrückt: Durch sie wird aus unserer Plotidee eine Geschichte.

Ich fange normalerweise damit an, mir zur Hauptfigur eine Familiengeschichte auszudenken. Außerdem bekommt sie Nachbarn oder Arbeitskollegen, Freunde und Gegner. Ja, ja, ich weiß, das ist fast schon so etwas wie Plotten und Planen. Ganz ohne geht es auch beim Bauchschreiben nicht. Allerdings habe ich aufgegeben, mir allzu viele Notizen zu machen. Mir geht es vor allem darum, ein Gefühl für die Figur zu bekommen. Wie sie sich selbst sieht und wie andere auf sie reagieren.

Konflikte, Konflikte, Konflikte!

Die Nebenfiguren erhalten, je nach Bedeutung, ebenfalls einen mehr oder weniger ausgefeilten Lebenslauf, und wie im richtigen Leben ergeben sich daraus schon ganz zwanglos Konflikte. Die lassen sich im Lauf der Handlung prima ins Geschehen einbinden.

Ohne Konflikt keine Geschichte. Innere Konflikte, äußere Konflikte, kleinere und größere und solche, die alles, was für die Hauptfigur Bedeutung hat, in Frage stellen. Konflikte kann man gar nicht genug haben. Was will die Figur in diesem Moment und was steht dagegen? Wenn das Ziel — zu Beginn der Handlung reicht uns schon ein kurzfristiges — wichtig genug ist, wird die Figur alles tun, was nötig ist, um es zu erreichen. Und irgendwer oder irgendetwas wird dagegenhalten. Es muss gar kein Gegner im eigentlichen Sinn sein, es reicht, wenn dem Willen der Hauptfigur etwas entgegensteht, wenn beides sich wechselseitig ausschließt. Nur einer kann gewinnen.

Im Augenblick sind wir aber immer noch beim Einstieg in den Roman. Welcher Zeitpunkt im Leben der Hauptfigur ist als Ausgangssituation günstig? Na, der, in dem es spannend wird! Angeblich lautet ein alter chinesischer Fluch: „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“  Gönnen wir also der Figur einen kurzen Moment zum Luftholen, in dem wir sie für ein, zwei Absätze in ihrer angestammten Umgebung, bei einer typischen Handlung zeigen — und dann werfen wir eine Bombe rein.

Ob im übertragenen Sinn oder tatsächlich, hängt von deinem Genre ab 😉

Den Plot folgerichtig weiterentwickeln: Method Acting für Autoren

Sobald diese Ausgangspositionen feststehen, muss ich als AutorIn nur abwechselnd in alle Figuren schlüpfen und sie ausgehend vom aktuellen Handlungsstand und ihrem persönlichen Wissenstand folgerichtig reagieren lassen.

Schauspieler lernen beim sogenannten Method Acting, sich in die Situation ihrer Rolle hineinzuversetzen und dabei Gefühle abzurufen, die sie kennen und — natürlich zugespitzt — auf die Rolle übertragen können.

Das funktioniert beim Schreiben ganz ähnlich, nur dass du als AutorIn in alle Rollen schlüpfen kannst und musst.

Image: pixabay — CC0 Creative Commons

In dem Augenblick, in dem die Hauptfigur etwas unbedingt will, das eine andere Figur (oder das Schicksal) auf gar keinen Fall zulassen kann, entsteht durch die Folgerichtigkeit der Reaktionen eine Dynamik, die dir beim Schreiben die Frage ‚Und was jetzt?‘ komplett aus der Hand nimmt, wenigstens eine Szene lang. Und da kommen wir zum wesentlichen Punkt: Keine Angst vor der Ungewissheit, was in der nächsten Szene passieren soll. Denn dieser Konflikte-„Trick“ funktioniert jedes Mal, durch den ganzen Roman bis zum Ende.

Aber das ist doch hier kein Pingpong!

Man könnte ja jetzt leicht auf die Idee verfallen, so ein Roman bestehe aus einer ewigen Aneinanderreihung von Aktion – Reaktion. Da käme man sich aber schnell vor wie damals in grauer Vorzeit, als Videospiele noch in 8-bit Grafik monochrom auf dem heimischen Röhrenbildschirm flackerten. Bipp-bopp-bippbipp-bopp … Das liest kein Mensch. Deshalb prägen wir uns jetzt schon eine der wichtigsten Schlussfolgerungen dieses Beitrags ein:

Die actionreichste Handlung bleibt öde, blöde, langweilig, wenn sie nicht mindestens die Hauptfigur verändert!

Diese Veränderung passiert nicht über Nacht und vielleicht wissen wir jetzt noch gar nicht, wie weit sie letztlich reichen wird. Aber eins ist schon mal sicher: Sie wird den Handlungsverlauf entscheidend beeinflussen und birgt das Potenzial zum ultimativen Plot-Twist. Lass dir den bloß nicht entgehen, denn genau darin liegt die Klasse deines künftigen Romans!

Und nu??

Wie genau wir uns diese Veränderung zunutze machen, darauf gehe ich in den folgenden Beiträgen nach und nach ein. Für heute haben wir das Klassenziel erreicht: Die erste Szene steht. Gratuliere! \o/

Wie es danach weitergeht, wie du es schaffst, am Ball zu bleiben, auch ohne detaillierte Vorplanung den Faden nicht zu verlieren und einen Spannungsbogen zu schlagen, der bis zum Ende des Romans hält, gibt es in den kommenden Beiträgen zu lesen. Nach und nach, in kurzen Abständen.

Stay tuned!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.