SfB: Handlungs-Dynamik

Die Dynamik macht’s

Damit wir hier nicht aneinander vorbeireden: Zweifellos ist es möglich, einen Roman ohne Dynamik zu schreiben, sogar ganz ohne Handlung. Für so etwas gibt es dann literarische Preise und Stipendien und Besprechungen im Feuilleton. Keine schlechte Sache. Falls das dein Ziel ist, bist du hier aber vermutlich falsch. Ich bevorzuge Geschichten mit Handlung, Dynamik und womöglich noch Tiefe, und was ich hier schreibe, hat genau solche Romane zum Ziel. Was brauchen wir also dafür? Aus dem ersten Beitrag der Reihe lässt sich leicht herauslesen: Vor allem brauchen wir Figuren und Gegner, dann ergibt sich der Rest fast von allein.

Fast.

Denn es gilt zwar: Hauptfigur + Gegner = Konflikt, aber: Konflikt ≠ Handlung

Die erste Szene fließt uns in der Regel flott aus den Fingern. Mit viel Elan und Euphorie stürzen wir uns in unser neues Romanprojekt und nach wenigen Seiten haben wir ein fantastisches Setting, ein paar echt coole Figuren, unsere Hauptfigur steht vor einem massiven Problem und erste ungelöste Rätsel und Abgründe tun sich auf. Das wird der Hammer!

… Und was jetzt?

Eben. Wenn wir keine Handlung haben, nützt uns der schönste Konflikt nichts. Also müssen wir uns jetzt doch erst mal ein paar Gedanken machen, um was es in der Geschichte überhaupt gehen soll.

Angenommen, du schreibst einen Krimi. Dann hast du wahrscheinlich von Anfang an eine bestimmte Tat im Sinn. Dann brauchst du jetzt, bevor du weiterschreiben kannst, wenigstens einen groben Tathergang, um ihn beim Schreiben rückwärts aufrollen zu können. Selbst wenn du noch nicht weißt, wer der Täter ist und/oder warum er es getan hat, muss wenigstens die Tat an sich so durchführbar sein und die Umstände der Entdeckung sowie die nachfolgenden Ermittlungen glaubhaft und nachvollziehbar.

Einschub:
An dieser Stelle bietet sich auch an, dir schon mal Notizen zu machen, welche Recherchen noch nötig werden über Örtlichkeiten, historische Fakten, rechtliche, gesellschaftliche oder sonstige Details. Die eigentliche Recherche kannst du aber getrost auf später verschieben, wenn die Erstfassung des Romans „im Kasten“ ist.

Allerdings lebt nicht mal der Krimi allein von der Ausführung der Tat, sondern gerade von den Ermittlungen der aufklärenden Figur(-en) und den Hindernissen, die sich ihr entgegenstellen. Es kommt also entscheidend auf Handlung und Reaktion der Figuren an.

Und hier kommt die Dynamik zwischen den Figuren ins Spiel

Eine Dynamik, die entsteht, weil eine Figur etwas unbedingt will, das die andere unbedingt zu vereiteln trachtet: Jede Handlung ruft zwingend eine Reaktion hervor, weil für Hauptfigur und Gegner alles davon abhängt, die Oberhand zu gewinnen (und zu behalten). Aber woher um alles in der Welt soll ich denn wissen, wie sie reagieren? Das Schlüsselwort ist auch hier wieder: Folgerichtigkeit. Was weiß die Figur (oder meint sie zu wissen 😉 )? Was befürchtet sie? Welche Reaktion entspricht ihrem Temperament? Was blockiert ihre instinktive Reaktion? Welchen verzweifelten Ausweg sucht sie stattdessen? Welche Folgen hat das für die Figur, für ihr Umfeld, für den Gegner?


Bild: Die Dynamik macht's
Image: pixabay – CC0 Creative Commons


Dabei muss nicht jedes Detail von Anfang an sitzen. Vielleicht stellt sich irgendwann heraus, dass der Einstieg korrigiert werden muss, weil du beim Schreiben einen anderen Weg eingeschlagen hast als du ursprünglich dachtest. Macht nichts. Wir vermerken auch das in einer Notiz und passen den Anfang beim ersten Überarbeitungs-Durchgang (Später! Viel später!) entsprechend an.

Kommissar Autor ermittelt

Kriminalistische Ermittlungen eignen sich hervorragend als Metapher für den Schreibvorgang. Der Ermittler, der zu einem Tatort kommt, hat zunächst genau so wenig in der Hand wie der Autor. Es gibt vielleicht eine Leiche, einen Tatort und ein paar Indizien. Vielleicht gibt es auch einen Verdächtigen, falls ja, dann am besten gleich mehrere. Das ermöglicht dem ermittelnden Autor, während des Schreibens falsche und richtige Spuren zu legen. Und falls die sich folgerichtig (!) entwickelnde Handlung ergibt, dass die Tat doch ganz anders verlaufen sein muss als ursprünglich gedacht, und dass der Täter ein vollkommen anderes Motiv hatte, dann kommt das nicht nur für den Autor überraschend, sondern eben auch für den Leser. Perfekt!

Natürlich gilt Entsprechendes auch in anderen Genres. Auch ein Liebesroman oder ein SF-Roman brauchen einen Handlungskern, der zwar noch vage sein darf, aber ausbaufähig sein muss. Den müssen wir jetzt festlegen, weil er Ausgangspunkt für alle weiteren Entscheidungen wird.

Handlungsdynamik

Aktion und Reaktion der Figuren sind nicht alles. Einflüsse von außen tragen ebenfalls zur Dynamik bei, und zwar von Anfang an. Eine zufällige Begegnung; ein ungewöhnlicher Gegenstand taucht auf; ein besonderes Ereignis tritt ein. Es muss etwas sein, das der Hauptfigur aufgezwungen wird, dem sie sich nicht entziehen kann. Etwas, das ihr Leben von Grund auf verschlechtert. Zu Beginn der Erzählung haben wir es da noch recht einfach. Was auch immer unsere Figur aus der Spur bringt, erst einmal muss sie nur re-agieren — möglicherweise auch durch Verweigerung.

Was auch immer sie tut, die Umstände führen dazu, dass sich das Problem verschlimmert und die Figur gezwungen ist, sich anders zu verhalten, als sie es sonst getan hätte. Andernfalls wäre an dieser Stelle der Roman zu Ende, bevor er begonnen hat. Diese erste Reaktion der Hauptfigur setzt also die eigentliche Handlung erst in Gang. Man nennt dieses Spannungsverhältnis zwischen Ereignis und Reaktion das ‚auslösende Moment‘.

Dieses Moment (engl. inciting incident) ist vom sogenannten ersten Plotpoint zu unterscheiden, bei dem die Handlung eine erste überraschende Wendung nimmt. Für die Filmdramaturgie forderte Syd Field in seiner 3-Akt-Struktur, der inciting incident müsse bei einem abendfüllenden Film (120 min) nach der Hälfte des ersten Aktes, also etwa nach einer Viertelstunde erreicht sein.

Übertragen auf einen Roman bedeutet das, nach etwa einem Achtel der anvisierten Seitenzahl. Da Buch und Film aber nur bedingt vergleichbar sind, wird verschiedentlich (zB in James Scott Bell, Plot & Structure) geraten, diesen Moment so früh wie möglich herbeizuführen, um Längen zu vermeiden, die den Leser dazu verleiten könnten, das Buch wegzulegen und nie wieder in die Hand zu nehmen.

Nichts bleibt ohne Folgen

Verursacht wird dieses Moment also von außerhalb des Einflussbereichs unserer Hauptfigur. Was bedeutet, wir müssen wahrscheinlich eine neue Figur einführen: eine aus unserem zuvor erdachten Fundus an Gegenspielern oder eine ganz neue Figur. Und das wiederum heißt, diese neue Figur braucht ihrerseits einen Lebenslauf, Familie, Nachbarn, Gegner … und so fort. Das muss übrigens nicht zwangsläufig ein Feind sein, schon gar nicht der ‚Endgegner‘. Hauptsache, der Gegenspieler kommt der Hauptfigur in die Quere und zwingt sie zum Handeln.

An dieser Stelle kann ich einen Schnitt in der Erzählung machen und in einem neuen Kapitel aus der Sicht des Gegners schreiben. Mindestens muss ich mir aber überlegen, was dieser Gegenspieler macht, was das für Folgen für ihn und andere hat und letztlich für meine Hauptfigur. Ich eröffne also mindestens in Gedanken einen zweiten Handlungsstrang, der direkt oder indirekt den ersten beeinflusst. Im Laufe der weiteren Handlung ergibt sich daraus ein Wechselspiel, bis beide Stränge am Ende verknüpft werden.

Die Geschichte nimmt Fahrt auf

Quintessenz ist also: Der Gegenspieler provoziert eine (erste) Reaktion unserer Hauptfigur, sie reagiert folgerichtig und zwingt den Gegenspieler seinerseits zu einer aus seiner Sicht logischen Konsequenz. Auf diese Weise ergeben sich beim Schreiben zwangsläufig eine oder zwei Szenen, in der wir diese Handlungen und ihre Folgen zeigen.

Das könnte jetzt immer so weitergehen: Aktion-Reaktion-Aktion-Reaktion-Aktionnn-schnarchchhh … Du merkst schon, das wird auf Dauer laaangweilig. Warum? Weil da ein wesentliches Element fehlt: die Reflexion des Geschehens. All diese Ereignisse müssen etwas bewirken —  bei den Figuren und beim Leser — sonst ist das alles für die Katz.

Damit komme ich zu einem grundsätzlichen Merkmal des ‚Bauchschreibens‘: dem Einfluss von Gedanken und Gefühlen der Figuren auf ihre — folgerichtigen — Reaktionen. Ohne Reflexion wirken Handlungen aufgezwungen, im schlimmsten Fall unglaubhaft. Damit wäre der Roman sofort gescheitert.

Wie ich Emotionen als lebenswichtiges Element in den Roman einfließen lassen kann, folgt demnächst in diesem Theater.

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8 Comments

  1. Hallo Sabine,
    ich finde deine Schreibtipps sehr schön und wenn ich schreiben würde, würde ich auch aus dem Bauch heraus schreiben. 🙂
    Wenn ich jetzt aber schreiben wollen würde, warum muss sich denn das Leben der Hauptfigur unbedingt von Grund auf verschlechtern?
    Wäre nicht eine Veränderung des Lebens ausreichend? Es könnte doch auch durchaus auch eine eher positive Sache sein ?
    Eine weitere Sache ist, das die Figuren immer “ folgerichtig“ reagieren sollen. So wie ich mir das grad denke: Der Eine sagt A, woraufhin die Andere B sagt.
    Was zwar folgerichtig ist, aber so in echt würde ich vielleicht nicht B sagen, sondern die Beine in die Hand nehmen und wegrennen, oder um Hilfe rufen, oder mit einem herumliegenden Knüppel um mich schlagen.

    Ich freue mich schon auf den dritten Streich! 🙂

    lg
    Nat

    1. Hallo Natascha,

      schön, dass du mit meiner Artikel-Serie etwas anfangen kannst 🙂

      warum muss sich denn das Leben der Hauptfigur unbedingt von Grund auf verschlechtern?
      Wäre nicht eine Veränderung des Lebens ausreichend? Es könnte doch auch durchaus auch eine eher positive Sache sein ?

      Darüber habe ich sogar ziemlich lange nachgedacht. Aber ich glaube tatsächlich, dass es an diesem Punkt des Romans eine Verschlechterung sein muss, sonst müsste die Hauptfigur nicht handeln. Bei einer Verbesserung wäre die natürliche Reaktion ‚zurücklehnen und genießen‘. Aber damit stockt die Handlung, bevor sie richtig in Gang kommt.

      Vielleicht sprechen wir auch von zwei unterschiedlichen Punkten in der Handlung. Bei einer Komödie oder einer Romanze kann natürlich erst einmal eine Veränderung eintreten, die sogar schön ist: Die Figur verliebt sich oder gewinnt im Lotto. Aber das ist dann noch nicht der ‚inciting moment‘, an dem die Handlung Fahrt aufnimmt. Der ist erst erreicht, wenn sich der Figur Hindernisse in den Weg stellen. Manchmal ist zwischen erster Veränderung und inciting moment kaum zu unterscheiden, bei Krimis oder Thrillern kann das wahrscheinlich sogar zusammenfallen.

      Jeder Roman lebt vom Konflikt, auch Komödien oder Liebesromane. Diese Konflikte müssen nicht „schlimm“ sein, aber sie verändern die Lage auf drastische und unerwünschte Weise. Sonst wäre der weitere Verlauf langweilig und es gäbe keine Geschichte.

      Eine weitere Sache ist, das die Figuren immer ” folgerichtig” reagieren sollen. So wie ich mir das grad denke: Der Eine sagt A, woraufhin die Andere B sagt.
      Was zwar folgerichtig ist, aber so in echt würde ich vielleicht nicht B sagen, sondern die Beine in die Hand nehmen und wegrennen, oder um Hilfe rufen, oder mit einem herumliegenden Knüppel um mich schlagen.

      Mit „folgerichtig“ meine ich nicht „vernünftig“ oder „geplant“, sondern dem Charakter, der Psyche, dem Wissen, etc. der Figur entsprechend. Ein Feigling rennt weg, ein Kämpferin kämpft, ein Grübler wird vielleicht erst mal den Kopf einziehen und hoffen, dass es von alleine wieder gut wird. Auf jeden Fall hat das eine Auswirkung auf die Figur und mindestens indirekt auf den Gegenspieler.

      Danke für deine tollen Fragen, Natascha! Damit kann ich noch ein bisschen deutlicher machen, was ich meine 🙂

      Herzliche Grüße
      Sabine

  2. Weißt du, was mich gerade richtig geflasht hat? Der Gedanke, dass alles, was für mich überraschend kommt, auch für den Leser überraschend kommt! Und dass das auch noch GUT ist! 😀

    Ich hab das bis jetzt immer als negativ wahrgenommen, dass ich es bei einer Rohfassung immer einfach erst mal fließen lasse, um überrascht zu werden, ich planlose Chaotin. Das führt natürlich dazu, dass ich zahllose Szenen auf der Festplatte habe, die ich gnadenlos streichen musste, weil sie gar keinen Sinn mehr ergaben, als die Geschichte „gereift“ war.

    Ich schimpfe dann auch immer mit meinen Figuren, weil sie einfach machen, was sie wollen und ich dann dreifache, vierfachte, zehnfache Arbeit habe, aber solange das Endergebnis dann rund ist … stimmt, Überraschungen sind klasse! 🙂

    1. Hehe, schimpf nur ordentlich mit ihnen … können die nicht gleich sagen, was sie wollen? Ehrlich mal

      Aus gegebenem Anlass betone ich zur Sicherheit nochmal für mitlesende Zaungäste: Wir reden hier vom ersten Entwurf! Bei der Überarbeitung wird die Pointe natürlich schön so vorbereitet, dass der Leser zwar immer noch überrascht ist, aber auch in der Rückschau alles nachvollziehen kann.

  3. Ich kann allen Bauchschreibern nur empfehlen, für ein paar Jahre mit einem oder mehreren anderen Autoren zusammen zu schreiben. Die Reaktionen und Aktionen des anderen zwingen einem entsprechende Reaktionen oder Aktionen auf. Für Planer ist es hilfreich, locker aus der Hüfte schießen zu können. Irgendwann kommt bei ihnen der Punkt, dass sie alles zerplatzen und die Spontanität verloren geht.

    Ich bin uebrigens eine Mischung Bauchschreibern und Planer. Aber ich notiere mir selten was vorab. Mittlerweile schreibe ich nach dem Schreiben was auf.

    Sookie sagte, ich solle das alles hier reinschreiben

    1. Hallo Dana,

      herzlich Willkommen in meinem Blog! 😀

      Interessant, ich schreibe zwar zur Zeit auch mit einer Kollegin an einem gemeinsamen Projekt, aber so hab ich das noch gar nicht betrachtet! Muss ich mal gezielt darauf achten, danke 😀

      Ich bin auch kein orthodoxer Bauchschreiber, wie man vielleicht herauslesen kann: Ein paar Gedanken mache ich mir auch vorweg. Das sind aber eher Denkhilfen, die sich leicht ändern können, wenn mir während einer Szene spontan eine Idee kommt.

      Liebe Grüße!

      1. Neko, mit der ich seit Jahren schreibe, meinte, es hat definitiv Einfluss. Man kann sich besser auf unvorhergesehenes einstellen. Sie gehört mehr zu den planer, ich zu den Chaoten. Aehm, Bauchschreibern.

        1. Hehe, „order, chaos and creation“. Das erinnert mich an ‚I Bring The Fire‘, eine coole Fantasy-Reihe von C. Gockel mit einer Neuinterpretation der nordischen Götter- und Heldensagen. Mit einem ausgesprochen witzigen Loki als Hauptfigur. Ich glaube, ich halte es also auch gern mal mit Chaos 😀

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