Create to destroy

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Achtung, das hier wird ein morbider Post. Wenn du dir den heutigen Tag nicht versauen lassen willst, dann lass diesen Beitrag lieber sausen, und wir sehen uns beim nächsten wieder. Nix für ungut 🙂

Bild: geralt, pixabay (bearbeitet)
Bild: geralt, pixabay (bearbeitet)

Ich bin ein Monster.

Lass das mal sacken.

Ich schreibe seit vielen Jahren, aber gestern habe ich zum ersten Mal etwas getan, dass mich mitten im Satz innehalten und nach Luft schnappen ließ: Ich habe eine Figur erschaffen, nur um sie fast im gleichen Atemzug zu ermorden.

Es geht nicht anders, rede ich mir ein, die Story verlangt es. Ohne solche Opfer wäre die Handlung unglaubhaft. Einer muss halt dran glauben. Menschen sind sterblich. Wir können uns das nicht aussuchen.

Aber das stimmt nicht. Romanfiguren sind keine Menschen. Sie könnten unsterblich sein, wenn ich, als ihre Erschafferin, das will. Ich kann mir aussuchen, wer lebt und wer nicht. Mit welchem Recht töte ich eine Figur und lasse eine andere leben? Warum müssen überhaupt Figuren bei mir sterben?

Die Wahrheit ist, manchmal will ich das gar nicht. Es gibt Figuren, die mag ich schon, bevor sie überhaupt in der Handlung Gestalt annehmen. Ich möchte sie gern weiter begleiten, ihnen weiter zusehen. Ich will sie anderen Figuren nicht wegnehmen. Ich selbst will sie nicht verlieren.

Könnte ich nicht einfach entscheiden, dass in meinen Büchern niemand stirbt? So wie der Schriftsteller Shin in der japanischen Serie Million Yen Women, aus ganz privaten Gründen beschließt, dass in seinen Büchern niemand stirbt? Was hält mich ab, es genau so zu tun? Wird nicht schon genug gestorben im echten wie im fiktionalen Leben?

Shins Roman handelt von der Beziehung zwischen einer Tochter und ihrer bettlägerigen, schwerkranken Mutter. In seinem Roman stirbt sie nicht, aber wir wissen, wenn der Roman zu Ende ist, geht es auch mit der kranken Frau zu Ende. Weil es im wahren Leben nun mal so läuft. Wir sagen: Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Und wissen doch, es ist nicht so.

Muss ich denn aber das dann auch noch schreiben? Kann sich denn nicht jeder einfach seinen Teil denken und wir blenden das einfach in der Story aus? Klar geht das! Und vielleicht schreibe ich demnächst nur noch solche Geschichten. Aber in dem Roman, den ich gerade schreibe, funktioniert das so nicht. In dieser fiktionalen Welt geht es ums Leben, ums Überleben und dazu braucht es eine Antithese. Sonst ist die ganze Handlung sinnlos.

Ich bin kein Freund von Storylines, in denen Figuren sterben wie die Fliegen, nur um etwas Äkschn reinzubringen. In denen Figuren nur dazu dienen, die Handlung auszupolstern. In der sie jederzeit ersetzbar sind durch andere Figuren. Nach vier Folgen The Expanse bin ich gerade in dieser Hinsicht (trotz unbestreitbar toller Grafik) noch nicht von der Serie überzeugt. Ich lass das auf mich zukommen, vielleicht bekommt das alles noch einen tieferen Sinn. Vielleicht liegt der Sinn auch nur darin, immer mal wieder darauf hinzuweisen, wie willkürlich und sinnlos Leben und Sterben an sich sind. Wenn die Story das richtig verkauft, lass ich da mit mir handeln. Man wird sehen.

Was meine arme Figur vom Anfang des Posts angeht — ich fürchte, der Drops ist gelutscht. Die Prämisse ist wie sie ist und der Tod gehört dazu. Es tut mir sehr leid. Und ich kann nicht versprechen, das ich es nicht wieder tun werde, auch wenn’s weh tut. Auch wenn mich das zum Monster macht. Meine einzige Verteidigung ist, dass ich auch noch eine Geschichte schreiben kann, in der diese Figur die Hauptrolle bekommt und in der wir ihren Tod nicht miterleben. Und im Grunde gilt das für alle Figuren. Sogar im richtigen Leben.

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2 thoughts on “Create to destroy”

  1. Einer muß dran glauben … Klingt nach Redshirt mit Sprechrolle … 😀
    Hab den Post gerade erst gelesen, da ist mir nur der Resttag versaut. Nicht.
    Aber wenn du einen Kill ausblenden willst, ist das sowas wie Dingens. Vorauseilende Selbstzensur oder so ähnlich. Es muß ja nicht jeder Blutstropfen einzeln beschrieben werden, der ob des Ablebens der Figur aus deren Eingeweide quillt.
    Dabei fällt mir ein, auch Monster haben ihre kleinen liebenswerten Eigenschaften. Wie das von Dr. Frankenstein. Das rauchte schon mal ganz gerne eine Zigarre zwischen zwei Schädelquetschern, wenn ich mich nicht irre:)

    1. Hehe, auf jeden Fall ist es liebenswert, auch am fiesesten Ungeheuer noch was liebenswertes zu entdecken! 😀

      Ja, Redshirt, jetzt wo du es sagst … Gibt so einige Romane und Filme, wo man schon allein aus der Figuren-Konstellation vorhersagen kann, der oder die wird den Abspann nicht erleben. Garstiges Volk, diese Autoren.

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